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Deutschland – Land ohne Lieder und kulturelle Identität?


Vortrag von Prof. Asmus J. Hintz. Eröffnungsvortrag des Kongresses "Elementare Musikvermittlung bei Kindern und Jugendlichen" in der Landesakademie in Ochsenhausen (Mai 2006).

Elementare Musikvermittlung bei Kindern und Jugendlichen

Deutschland – Land ohne Lieder und kulturelle Identität?

Immer mehr Kinder singen und musizieren immer weniger

„Heutzutage hört man die Deutschen nur noch beim Fußball singen und wenn sie sturzbetrunken sind.“ Der Leipziger Thomaskantor Georg Christoph Biller hat bei dieser Einschätzung zwar drastisch überspitzt, den Kern des Problems aber getroffen: Wer an der Musikerziehung spart, untergräbt das kulturelle Fundament der Gesellschaft.

Experten weisen auf die langfristigen Folgen kurzsichtiger Kürzungen in diesem Bereich hin. Bundespräsident Johannes Rau forderte die Musikerziehung in Deutschland müsse auch in Zeiten knapper Kassen einen hohen Stellenwert behalten.

In dieser Frage gehe es um nicht weniger als die kulturelle Zukunftsfähigkeit Deutschlands: „Bildung ist mehr als Pisa, musikalische Bildung erst recht. Ich möchte Kinder und Jugendliche ermuntern, wieder mehr zu singen oder ein Instrument zu spielen und damit vielleicht auch zu mehr Menschenfreundlichkeit in diesem Land beizutragen“, sagte Rau. Der damalige Innenminister Otto Schily steigerte sich sogar in die Behauptung, wer Musikschulen schließt, gefährde die innere Sicherheit.

Betroffene warnen immer wieder gebetsmühlenartig. „Nur noch etwa zehn Prozent der Kindergartenkinder können ein Lied singen“, erklärte Martin Vogel, Präsident des Bundesverbands Deutscher Gesangspädagogen. Er fordert ein zusätzliches Gesangsangebot bei der Ausbildung von Kindergärtnerinnen. „Singen ist eine natürliche Lebensäußerung und darf nicht weiter vernachlässigt werden.“ Vogel betonte, es dürfe nicht am Musikunterricht gespart werden, denn „die Grundausbildung in musischen Schulfächern sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Bildungsangebotes. Die Pisa-Studie habe gezeigt, dass beim Sieger Finnland das Singen und Erlernen eines Musikinstruments seit Jahren zum Schulalltag gehöre.

Die Allgegenwart und permanente Verfügbarkeit von Musik jeden Genres hat in den vergangenen     50 Jahren zu einem stark veränderten Umgang mit Musik geführt. Durch Rundfunk, Fernsehen, Walkman, CD, MP3-Player, durch eine große Vielfalt von Konzertveranstaltungen jeglicher Art ist Musik zu einem Konsumgut geworden. Ob am Arbeitsplatz, im Kaufhaus, beim Zahnarzt, im Flugzeug, im Auto oder Kuhstall: Ohne Musik geht nichts mehr.

Eine Umfrage des BAT-Freizeitforschungsinstituts ergab, dass Musikhören bei 96% aller Befragten an erster Stelle ihrer Freizeitaktivitäten steht. Derzeit geht man davon aus, dass in der BRD 8% aller Einwohner ein Musikinstrument spielen oder in Chören singen und dass etwa 22% der Bevölkerung früher einmal musizierend aktiv gewesen sind. Rund 30% der Bevölkerung könnten also im weiteren Sinne als musikalisch „aktiv“ betrachtet werden. Dem gegenüber stehen 70% der Bevölkerung, die in keiner Form musizierend aktiv waren oder sind. Vermutlich haben sie Hemmungen, sich musikalisch zu äußern. Die Eltern scheuen sich, ihrem Kind ein Liedchen vorzusingen. Die Kindergärtnerin trifft keinen Ton richtig und hält sich für unmusikalisch, und außerdem hat man es in der Ausbildung ja auch nicht richtig gelernt. In der Grundschule fallen 20% des Musikunterrichts ohnehin aus (VDS). Wird er erteilt, dann häufig von fachfremd unterrichtenden Lehrkräften, selten von ausgebildeten Fachkräften.

Eltern haben trotz der Allgegenwart von Musik kein abrufbares Liedgut für die Kommunikation mit ihren Kindern mehr parat, sie wissen nicht, was und wie sie mit ihren Kleinkindern spielen oder singen könnten.

Kinder verbringen heute viele Stunden täglich mit dem Computer. Der Umgang mit multimedialer Software verändert die Erwartungen der Kinder an die Art und Weise der Informationsvermittlung grundlegend. Sie verfügen nicht über die für das (pädagogisch ohnehin fragwürdige) Konzept des Frontalunterrichts erforderlichen Konzentrationsfähigkeiten und Aufmerksamkeitskapazitäten. Die Erwartungen an die Lehrkräfte, den Stoff methodisch abwechselungsreich, medial unterstützt und interaktiv anzubieten, sind groß. „Osterhasen-Pädagogik“ funktioniert nicht mehr. Die frontalen „Beschuler“ müssen sich zu Moderatoren von Lernprozessen wandeln, entdeckendes Lernen in Gruppen ermöglichen und dadurch die intrinsische Motivation der Kinder fördern. Diese Erkenntnisse müssen auch Eingang in die Welt der Musikpädagogik, der Musikvermittlung, finden.

Fakt ist: Die digitalisierte Klangwelt vermittelt den Menschen eine Nullfehler-Realität und Perfektion beim Musizieren, die es in der Praxis nicht gibt. Man fürchtet, diesem Standard nicht zu entsprechen.

Ich bin musikalisch sozialisiert worden im Elternhaus, in der Schule und in der Kirche. Meine ganze Kindheit „singt in mir“: diese vielen Lieder, die unsere Mutter mit uns vier Kindern, jahreszeitlich und tageszeitlich angepasst, ein- und mehrstimmig zu singen wusste, die morgendlichen Singrituale in meiner Dorfschule mit dem ganz selbstverständlichen Begleitspiel des Lehrers, wechselweise auf Klavier und Violine, und die so ganz anderen Gesänge in der Kirche. Nicht zu vergessen die Rundgesänge, die angestimmt wurden, wenn die Erwachsenen zum Feiern zusammenkamen. Das Singen war allgegenwärtig und selbstverständlich in meiner Kindheit.

Ich lade Sie ein, folgende „Stationen“ aufzusuchen, um abschließend eine bildungspolitische Forderung zu erheben:

1. „elementar“ – „Musikvermittlung“ – „musikalische Bildung“

2. elementare Musikvermittlung und frühkindliche Entwicklung – Fakten und Wirkungen

3. Curriculum für elementare Musikvermittlung ab dem vierten Lebensmonat bis in die allgemeinbildende Schule

4. Berufsfelder im Bereich elementarer Musikvermittlung und die Aufgaben der Ausbildungsinstitutionen

5. bildungspolitische Forderungen

1. „elementar“ – „Musikvermittlung“ – „musikalische Bildung“

Elementar kann stehen für:

· grundlegend, wesentlich, naturhaft, ungebändigt, ungestüm, rein, geläufig, einfach, primitiv

· selbst einem Anfänger, einem Unerfahrenen bekannt

· als reines Element vorhanden (Chemie)

· Bildung von Anfang an

· Kinder als aktive Lerner betrachten, die sich ihr Bild von der Welt machen, allein und mit anderen; Erwachsene begleiten sie und regen sie an

„Musikvermittlung“ hat kürzlich den gleichnamigen Kongress des Deutschen Musikrats in  Wildbad Kreuth beschäftigt. Die Frage, was denn Musikvermittlung sei, ob Musikerziehung, Konzertpädagogik oder gar etwas gänzlich Neues, beschäftigte Arbeitskreise und Diskussionsforen. Musikvermittlung auf die Begriffe Konzertpädagogik, Musikpädagogik oder Musikerziehung zu reduzieren, ist nicht zielführend. Bislang wird unter Musikvermittlung das Heranführen von Kindern und Jugendlichen an klassische Musik verstanden. Allerdings muss der Begriff breitere Bedeutung erhalten, denn Musikvermittlung betrifft nicht nur klassische Musik, sondern Musik aller Genres. Insbesondere in Anbetracht der demographischen Entwicklung in Europa müssen wir auch verstärkt Angebote für Ältere entwickeln, denn sie werden in wenigen Jahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen.

Musikvermittlung muss künftig

· heterogenen Bevölkerungsschichten vielfältige Zugänge zur Musik anbieten,

· Annäherung und Verständnis für Musik in ihrer Vielfalt bewirken,

· Menschen ermutigen, das eigene Musizieren, in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer, als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen.

Musikalische Bildung

(Aus: “Wie entsteht musikalische Bildung?“ von Wilfried Gruhn, erschienen in “Musik & Ästhetik“ Heft 12, Oktober 1999)

„Musikalische Bildung zeigt sich in dem Vermögen, Musik musikalisch erfahren, erleben, darstellen und verstehen zu können. Nicht Wissen über Musik, sondern Kompetenz in Musik ist ihr Merkmal -- Kompetenz, die sich in Produktion und Reproduktion, Improvisation und Interpretation, Empathie und kritischer Beobachtung niederschlägt.

(...) Beim Musikunterricht geht es nicht primär um Kunst und Kunstvermittlung, sondern um Musik und musikalische Ausdrucksfähigkeit [...] Beim Musikunterricht geht es [...] um ein ganz Elementares und Grundsätzliches: die Ausbildung musikalischer Repräsentationen, damit wir Musik überhaupt als etwas Musikalisches wahrnehmen und erkennen können [...]

Ein Kind spricht, weil es Sprache hört, weil es angesprochen wird und sprachliche Kommunikation erlebt [...] Es 'improvisiert' ständig mit Sprache, verändert, entwickelt, erfindet Neues. Erst mit der Schulreife lernt es Lesen und Schreiben, d.h. eine symbolische Codierung zur Fixierung dieser prozessualen Verläufe.

[...] Man kann nur einen Gedanken musikalisch formulieren, wenn man so viele Muster und Strukturen erworben hat, dass es möglich wird, eine melodische Phrase in einer bestimmten Tonart zu denken, ein Motiv auf einen Grundton zu beziehen, einen Rhythmus in einem regelmäßigen Puls zu fühlen, einen Akkord auf eine Funktion zu beziehen. So entsteht aus prozeduralem Wissen Improvisation; diese ist ein Ausweis vorhandener Musik-Kompetenz.

[...] Wenn aber musikalische Bildung in einem allgemeinen ästhetischen oder schlimmer: musischen Gegenstandsbereich aufgeht, wird viel Zeit musikalischen Lernens verschenkt und vertan. Man kann musikalische Geschichten erfinden, Geräuschexperimente machen, über musikalische Formen reden oder viele andere schöne Dinge tun, die alle sinnvoll werden, wenn musikalisch dabei etwas gelernt wird. Wenn Musikunterricht jedoch zu sehr außermusikalische Bezüge thematisiert (das Programm, die Wort-Ton-Bezüge, die Gefühls-Inhalte etc.), abstrakte Begriffe einführt, die sich auf nichts Klangliches beziehen, und formale Schemata behandelt, die selber noch keine Bedeutung für die Schüler haben, dann verfehlt er sein eigentliches Ziel, musikalisches Lernen zu ermöglichen und so musikalische Kompetenz zu vermitteln.“

2.  Elementare Musikvermittlung und frühkindliche Entwicklung – Fakten und Wirkungen

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“

Das Gehirn

Neun Monate lang entstehen Minute für Minute 240.000 Nervenzellen im Kopf eines werdenden Menschen. Jede dieser Zellen bildet kleine Verbindungskanäle, die sich zum Gehirn zusammenschließen. Bei der Geburt besteht das Gehirn des Babys aus 100 Milliarden Zellen. Wie leistungsfähig und ausgebaut das Leitungsnetz sein wird, hängt, so die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologen, wesentlich von der Förderung des Kindes ab. Ab der Geburt werden keine neuen Zellen mehr gebildet, über die Kapazität entscheidet allein die Vernetzung der Nervenzellen.

Warum ist es wichtig, Kinder so früh wie möglich intensiv mit Musik und Musizieren in Berührung zu bringen? Aktuelle Forschungen über Babys geben darauf Antworten. Es hat sich herausgestellt, dass die Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, etwas über die Welt und uns selbst zu lernen, ihren Ursprung im Säuglingsalter haben. Babys und Kinder verfügen über hoch leistungsfähige Lernmechanismen. Stellen wir uns das Gehirn von Babys als ganz besondere „biologische Computer“ vor. Schon Neugeborene  verfügen über leistungsfähige Programme zum Verstehen der Welt.

Babys wissen zum Zeitpunkt der Geburt bereits mehr über Sprachen als gemeinhin angenommen wird. Sie verfügen in ihrem „Biocomputer“ über eine universelle Software zum Erlernen jeder beliebigen Sprache. Sie verfügen über die Voraussetzungen, alle Unterschiede der Lautbildung zu imitieren, die es in sämtlichen Sprachen der Welt gibt. Babys lernen durch Imitation. Die Imitation ermöglicht ihnen, sich auf neue, genetisch nicht determinierte, Weise zu verhalten, und zwar tatsächlich so wie die Erwachsenen in ihrer Umgebung. Zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat fangen die Säuglinge an, die Laute ihrer Sprache zu ordnen. Jetzt entscheidet sich, ob das Baby Deutsch, Japanisch, Englisch, Französisch oder Chinesisch als Muttersprache entwickeln wird.

Etwa im Alter von 7 – 8  Monaten fangen die Babys an zu „babbeln“. Sie beginnen Silbenreihungen von sich zu geben, die aus Konsonanten und Vokalen bestehen, “dadadada“ oder “babababa“. Babys aus allen Kulturen „babbeln“ zunächst auf identische Weise. Sobald die Säuglinge den Meilenstein des Babbelns erreicht haben, ist die universale Phase der Sprachproduktion zu Ende.

Im Alter von ca. einem Jahr wenden sie sich von den Lauten ab und den Wörtern zu. Das lässt darauf schließen, dass es Zeitfenster gibt, die innerhalb eng abgesteckter Zeiträume geöffnet sind, um neue Erfahrungen und neues Wissen hereinzulassen. Ist die Zeit abgelaufen, schlägt das Fenster zu, und die angebotenen Informationen können nicht mehr in der ursprünglich möglichen Qualität verarbeitet werden.

Aus den vorbenannten Gründen ist es sinnvoll und wichtig, Babys bereits vor dem sechsten Lebensmonat mit Musik auf vielfältige Weise in Berührung zu bringen. Das Hören von musikalischen Lauten und Klängen und das „singende Nachbabbeln“ der Lieder, führt zur intensiven Vernetzung der Gehirnzellen. Die universelle Software im „Biocomputer“ der Babys zum Erlernen jeder beliebigen Sprache erkennt die Musik wie eine Sprache und schafft Voraussetzungen dafür, dass Musik – in Abhängigkeit von der Intensität der Konfrontation mit Musik – als zweite „Muttersprache“ erkannt und erworben werden kann.

Die Musik

Alle Menschen sind grundsätzlich offen für Musik. Wir haben zwar Augenlider, aber eben keine „Ohrenlider“. Nicht selten erleben wir es unangenehm, wenn wir in Geschäften mit Musik beschallt werden, die unsere Kauflust stimulieren soll.

Dass Musik eine starke Wirkung auf Körper und Psyche hat, haben zumindest Musikliebhaber schon immer angenommen. Die Neurowissenschaft hat diese Vermutung nun auf breiter Front bestätigt. Inzwischen ist erwiesen, dass das Gehirn auf Musik reflexartig reagiert. Dies legt die Vermutung nahe, dass es im Hirn angeborene Strukturen für die Bearbeitung von Musik gibt.

So konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass musikalischer Hörgenuss mit einer Reihe von Emotionen verbunden ist. Dies hat auch seine Entsprechung in körperlicher Hinsicht: Die Reaktionen reichen von einfachen physiologischen Effekten (Änderung des Blutdrucks, des Hautwiderstandes oder der Atemrate) bis zu körperlichen Anzeichen auf „höherer“ Stufe (Tränenbildung, Zittern sowie der sprichwörtliche „Frosch im Hals“).

Jeder Mensch, der in der Lage ist, Gehörtes zu imitieren, weist Grundmerkmale von Musikalität auf. Mithin ist jeder, der sprechen kann, auch musikalisch. Das Imitieren von Sprache impliziert die Fähigkeit, das Gehörte zu erkennen und es zu verbalisieren (singend zu gestalten = Frequenzmodulation).

Wir können Kinder im Sinne des Wortes musikalisch „begaben“, wenn wir ihnen zeitgerecht die richtigen Angebote machen.

Einige Beispiele aus der Praxis:

· “Felix“ heißt die Auszeichnung, mit welcher der Deutsche Sängerbund durch Verleihung einer Plakette (an der Eingangstür) bundesweit all jene Kindergärten unterstützt, die das Singen kindgerecht fördern.  Die Sängerjugend veranstaltet regelmäßig dazu auch Fortbildungsseminare für Kindergärtnerinnen.

· “Liedergärten“ sind wöchentliche Treffen, bei denen Kindern im Alter von ein bis vier Jahren gemeinsam mit ihren Eltern auf spielerische Weise das Singen nahe gebracht wird – unter der Obhut der Chöre des Sängerbundes NRW.

· “Robbie“:  „In Windeln Musik entdecken“ (schreibt die „Welt am So“). In  Angeboten der Yamaha-Musikschulen haben Kinder im Alter von 4 bis 16 Monaten die Gelegenheit, ihre Sinneserfahrungen durch Beschäftigung mit Musik, Rhythmik und Spiel zu erweitern und ihre Umwelt zu erforschen.

· EMU – Elementare Musikerziehung im Kindergarten – lautet die Bezeichnung für die breiten Angebote vieler Musikschulen. Hinzu kommen erfreulicherweise in wachsendem Maße nun auch Projekte im frühkindlichen Bereich.

· KlassenMusizieren z.B. wird in  Tausenden allgemeinbildenden Schulen in Deutschland mit Blas-, Saiten-. Tasten- und Perkussionsinstrumenten praktiziert.

Es hat sich herumgesprochen, dass im Klassenverband musizierende Kinder, die mit Disziplin, Ernsthaftigkeit und Freude musizieren, die wirksamsten Werbeträger jeder Schule sind. Die Tristesse der Schule löst sich auf im Leuchten der Instrumente.

Manch ein Schulleiter träumt bereits von klassenübergreifenden Ensembles und Konzerten vor großem Publikum. Die Schule würde bekannt, die Zahl der Neuanmeldungen steigen – die Chance für manche Schule, eine in Aussicht stehende Schließung abzuwenden.

In einigen Veröffentlichungen wird verstärkt auf außerschulische Transfereffekte der Musik gesetzt, also auf den Versuch eines Nachweises, dass sich musikalische Beschäftigung positiv auf Kreativität, Intelligenz, Sozialverhalten, emotionale Stabilität, Flexibilität und Teamfähigkeit niederschlägt. Unbestritten ist, dass angesichts der Plastizität des Gehirns Musik einen Effekt auf die Entwicklung neuronaler Vernetzung und die Bildung spezifischer Repräsentationsmuster hat. Neurobiologische Untersuchungen haben dies für verschiedene Bereiche nachgewiesen. Weitergehende Transfereffekte konnten bislang aber nicht längerfristig nachgewiesen werden.

Die Sprache

Wie bereits erwähnt, vollzieht sich die Ausbildung der Muttersprache ab dem sechsten Lebensmonat über das Einordnen der Laute, die das Kind täglich umgeben, dem „babbelnden Nachahmen“ ab dem achten und der Heranbildung des Wortschatzes ab dem 12. Lebensmonat.

Mit dem Abschluss der Phase des „Babbelns“ wird die universale Phase der Spracherkennung und der Fixierung der Muttersprache abgeschlossen. Jetzt entwickelt sich der Wortschatz des Kindes rasant. Ein Kind verfügt im dritten Lebensjahr über einen Wortschatz von durchschnittlich ca. 900 Wörtern. Bis zum sechsten Lebensjahr steigert sich dieser auf ca. 2.400 Wörter (mit 2.000 Wörtern kann man sich in einer Sprache alltagstauglich verständigen). Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr ist das Gehör mit Abstand das lernfähigste Organ eines Kindes. Die Grob- und Feinmotorik sind hinsichtlich  ihrer Ausprägung weit zurück im Vergleich zum Gehör. Alles Gehörte wird wie von einem Schwamm aufgesogen, imitiert und verarbeitet. Obwohl das so ist, wird die Heranbildung der Kompetenz des musikalischen Hörens in den allermeisten Programmen der musikalischen Früherziehung vernachlässigt. Stattdessen wird auf die Sensibilisierung einer allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit für musikalische Prozesse und Strukturen Wert gelegt. Dies ist angesichts der außerordentlichen und einmaligen Lernchancen im Leben eines Kindes falsch. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Unter Kompetenz des musikalischen Hörens verstehe ich, dass Kinder ab dem sechsten Lebensjahr

· Töne konkret mit Notennamen benennen und nachsingen,

· Tonfolgen angemessenen Schwierigkeitsgrades hinsichtlich der musikalischen Gestaltung (z.B. Tempo, Dynamik, Intonation, Rhythmik) imitieren,

· musikalische Notation angemessenen Schwierigkeitsgrades mit einer inneren Tonvorstellung verbinden und diese auf Notennamen singend artikulieren können.

Wir wissen, dass Kinder, die von Geburt an zweisprachig aufwachsen, beide Sprachen ohne nennenswerten Unterschied beherrschen. Auch Musik kann als „zweite Muttersprache“ erkannt und erworben werden, vorausgesetzt die richtigen Lernschritte werden zum richtigen Zeitpunkt konsequent angewendet,. Der Zusammenhang zwischen Musik und Sprache (Lieder) ist evident. Frühkindliche Musikvermittlung oder musikalische Bildung ist ein wichtiger Beitrag zur Förderung der kindlichen Sprachkompetenz, und diese ist der Schlüssel zu jeder weiteren Bildung und späterer Berufsausübung.

Zusammenfassung:

· Jedes Kind wird mit einer Anlage zur Musikalität geboren, die es in die Lage versetzt, jede Sprache der Welt lernen zu können.

· Jeder Mensch ist musikalisch, es gibt keine unmusikalischen Menschen.

· Eltern können durch ihr Verhalten die musikalische Bildung ihrer Kinder wesentlich beeinflussen. Musikalische Bildung ist „Familienangelegenheit“.

· Unbestritten ist, dass Musik einen Effekt auf die Entwicklung neuronaler Vernetzung und die Bildung spezifischer Repräsentationsmuster hat.

· Die Kompetenz  musikalischen Hörens kann bis zum sechsten Lebensjahr eines Kindes gezielt in einer Qualität herangebildet werden, die danach nicht mehr erreichbar ist.

· Frühkindliche Musikalisierung fördert die Sprachkompetenz. Sprachkompetenz ist ein wesentlicher Faktor für jeden Bildungsprozess und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten.

· Musizieren fördert die Teamfähigkeit in besonderer Weise. Anders als beim Sport, wo es immer um Wettbewerb und Leistungssteigerung geht (höher, schneller, weiter, stärker, ausdauernder) stehen beim Musizieren außer Konzentration und Disziplin Softskills im Mittelpunkt, z.B. Zuhören, Rücksichtnahme, Empathie usw.

· Kinder erwerben ihr Wissen spielerisch. Spielen ist mehr als nur kindlicher Zeitvertreib. Es ist Lernen und Forschen im eigentlichen Sinn: durch Nachahmung und Improvisation, durch Versuch und Irrtum, mit Kreativität, enormer Ausdauer und Konzentration. Über Spielerfahrungen begreifen Kinder Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung. Sie formen ihre intellektuellen Fertigkeiten und legen damit den Grundstein für das logische Denken.

Empfehlungen an die Eltern:

1. Besuchen Sie mit Ihrem Kind Kurse für musikalische Frühförderung ab dem 4. Lebensmonat.

2. Informieren Sie sich, ob die Musikschule oder die Musikpädagogen mit curricular aufeinander abgestimmten und aufbauenden Musikalisierungsangeboten (Programmen) arbeiten und dafür speziell qualifiziert sind.

3. Überzeugen Sie sich durch einen Besuch und Gespräche mit den Personen vor Ort, welche Atmosphäre, welche Ausstattung und welche Kompetenz die Personen und die Einrichtung ausstrahlen. Ist die Einrichtung ein Ort, wo man sich auf Kinder freut, wo alles auch kindgerecht gestaltet ist? Die räumliche Umgebung ist ausgesprochen wichtig für den Lernerfolg und die Förderung der Motivation des Kindes.

4. Vermitteln Sie Ihrem Kind das Gefühl: Musizieren ist eine Familienangelegenheit. Bestätigen Sie es bei Erfolgen, zeigen Sie Ihre Freude, freuen Sie sich gemeinsam. Helfen Sie, schwierige Situationen zu meistern. Nehmen Sie sich täglich Zeit, mit Ihrem  Kind zu singen, zu spielen, zu tanzen, zu basteln und Bilder zu betrachten. Binden Sie das Musikhören und Musikerleben in solche Tätigkeiten ein.

5. Sprechen Sie regelmäßig (einmal im Quartal) mit den Musikpädagogen über die Entwicklung Ihres Kindes, über den derzeitigen Stand und künftige Entwicklungsschritte.

6. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind mit zunehmendem Lebensalter seine musikalischen Wünsche und Vorlieben in den Mittelpunkt der Ausbildung stellen kann. Es ist nicht so entscheidend, was die Musikpädagogen für wichtig halten; entscheidender für den Erhalt einer dauerhaften Lernmotivation sind die Wünsche und Ziele Ihres Kindes. Werden diese nicht ausreichend respektiert, sind Misserfolge und Abbruch der musikalischen Ausbildung vorprogrammiert.

3. Curriculum für elementare Musikvermittlung ab dem vierten Lebensmonat bis in die allgemein bildende Schule

Elementare Musikvermittlung ist ein weites Feld. Betrachtet man zusätzlich die musikalische Früherziehung und die musikalischen Bildungsangebote in den allgemeinbildenden Schulen, so ergibt sich ein wahres Kaleidoskop der Möglichkeiten musikalischer Vermittlung oder Bildung. Trotz dieser Vielfalt können wir mit der derzeitigen Situation im Bereich  der musikalischen Bildung und der bildungspolitischen Wahrnehmung des Faches Musik nicht zufrieden sein. Die Frage lautet: Tun wir die richtigen Dinge und wenn ja, tun wir sie richtig? Die Vielfalt der Programme und Methoden ist wichtig und wertvoll, aber ohne Bündelung der Energien und Ressourcen auf gemeinsame Zielpunkte hin werden wir keine positive Änderung bewirken. Übertragen auf die elementare Musikvermittlung heißt das:

i. Zielgruppen definieren

1. 0 – 15 Monate

2. 1,5 – 4 Jahre

3. 4 – 6 Jahre

4. Grundschüler

5. Jugendliche

6. Erwachsene (vor allem 50 Jahre und älter)

ii. Vermittlungs- oder Bildungsziele bestimmen und durchgängig vom frühkindlichen Stadium bis in die Grundschule hinein aufeinander abstimmen. Entwicklung eines curricularen Lehrplans.

iii. Methoden (entdeckendes Lernen, instrumentaler Gruppenunterricht, KlassenMusizieren usw.) anwenden

Ohne klare Zielorientierung kann man nur situativ reagieren. In der Musikpädagogik sind klare Ziele und das zielorientierte Arbeiten gemeinhin nicht im Denken der Lehrenden verankert. Der offensichtliche Mangel an Zielorientierung wird gern als „Offenheit“ und Ausweis besonderer Qualifikation der Lehrkraft angeführt, die sich auf alles und jeden einzustellen vermag und aus jedem noch so zarten „Pflänzchen“ oder jeder sich ergebenden Situation einen musikpädagogischen Nutzen zu ziehen vermag. Zielbestimmung und Messbarkeit pädagogischen Handelns sorgen für eine bessere Koordination, Ausrichtung und Leistung aller Bereiche der Musikvermittlung. Wenn das in der frühkindlichen Musikalisierungsgruppe Gelernte im Kindergarten aufgegriffen wird und hier erworbene Fähigkeiten „nahtlos“  in der Grundschule zum Fundament weiterführender Befähigung zu musikalischem Handeln werden, haben wir einen Bildungsprozess organisiert, der mit der Geburt beginnt und das soziale Umfeld, die Familie, die Krippe, die Kita und die allgemeinbildende Schule integriert. Dadurch wird zudem der Aufbau einer kulturellen Identität gefördert, ein eigener kultureller Standort erfahren, der den Austausch mit anderen Kulturen, den interkulturellen Dialog, erst möglich werden lässt.

4. Berufsfelder im Bereich elementarer Musikvermittlung und die Neuorientierung der Ausbildungsinstitutionen

Wir brauchen künftig

· Spezialisten für frühkindliche Musikalisierung, die als Supervisoren in Kindergärten und Musikschulen tätig werden; neben ihrem Unterricht bilden sie KollegInnen der entsprechenden Einrichtungen fort und coachen sie in ihrer täglichen Arbeit

· Spezialisten für instrumentalen Gruppenunterricht und KlassenMusizieren in allgemeinbildenden Schulen

· fähige Moderatoren von Lernprozessen

· Musikpädagogen mit Kompetenz im Bereich Kulturmanagement, damit aus ihren kreativen Musikvermittlungsideen auch funktionierende Projekte werden und es nicht nur bei schönen Ideen und Worten bleibt.

Die Ausbildungsgänge für Musiker, Instrumentallehrer und Schulmusiker sind in Jahrzehnten gewachsen. In Musikschulen, Konservatorien, Hochschulen und anderen beruflichen Ausbildungsstätten wird musikalische Bildung vermittelt mit dem Ziel, diese in unserer Gesellschaft auf möglichst hohem Niveau weiterleben zu lassen. Mit erfolgreichen Teilnehmern am Wettbewerb „Jugend musiziert“ lässt sich leichter renommieren und die Qualität der pädagogischen Arbeit demonstrieren als mit musikalischer Breitenbildungsarbeit.

Das zarte Pflänzchen „musikalische Bildung“ wird im Elfenbeinturm Hochschule gehegt,  eingeklemmt zwischen wissenschaftlichem Gebaren und künstlerisch elitärem Anspruchsdenken. Professoren mit didaktischen und methodischen Konzepten von gestern, versuchen, angehende Schulmusiker und Instrumentalpädagogen von heute fit zu machen für den Bildungsernstfall von morgen. Natürlich gibt es auch rühmliche Ausnahmen in unserem Land. Aber: Ein Ranking in allgemein bildenden Schulen verwies das Fach Musik, das alle Chancen hat, sehr beliebt zu sein,  auf den vorletzten Platz der Beliebtheit unter Schülern. Was sind die Ursachen für dieses katastrophale Abschneiden? Sind Musikpädagogen schlechter ausgebildet als die Kollegen in den Fächern Mathematik oder Sport?

Die 90er Jahre haben uns mit einer technologischen Entwicklung konfrontiert, die weitreichende Folgen für die Gesellschaft hat. Das Internet: Alles Mögliche wird plötzlich erreichbar, nichts ausgeschlossen, und niemand kontrolliert es. Die Verfügbarkeit von Musik im Web ist allgegenwärtig, sie kann heruntergeladen gehört, und – sofern man über die notwendigen „tools“ und das Know-how verfügt – beliebig bearbeitet und weiter verbreitet werden.

Wie geht unser musikalisches Bildungssystem mit diesen „kommunikationstechnologischen und medialen Entwicklungen um; wie werden angehende Lehrkräfte im Bereich Musik darauf vorbereitet?

Die benötigten neuen Fähigkeiten werden fundamental sein und die Rückbesinnung auf alte, verdrängte Fertigkeiten verlangen. Im alten Griechenland war die mündliche Überlieferung die Basis der Entwicklung der Philosophie, der Dichtkunst und der Musik. Die mündliche Überlieferung erforderte die Fähigkeit, Wissen im Gedächtnis zu speichern und zu Neuem vernetzen zu können. Wer lernt heute noch Texte auswendig? Heute ist Lesefähigkeit Voraussetzung für jeden Bildungserwerb.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Begriff „musikalischer Analphabetismus“?

Ist ein Blinder, der die Blindenschrift nicht lesen kann, aber Bibelstellen und Shakespeare zitiert, weil er sich durch sprechende Bücher das Wissen erworben hat, ein ungebildeter Mensch? Sind Musiker wie Paul McCartney oder Peter Gabriel – keiner von beiden kann Noten lesen – musikalische Analphabeten?  Musiker, die durch mündliche Überlieferung gelernt haben, sollten wegen fehlender Notenlesefähigkeit nicht als musikalisch ungebildet klassifiziert werden. Sie brauchen keine Notation, weil sie über andere musikalische Fähigkeiten verfügen.

Schlagzeuger, Gitarristen und Sänger entwickeln ihre Fähigkeiten durch Hören, Experimentieren und Memorieren. Auch das Improvisieren spielt eine wichtige Rolle.  Zunehmend werden weit entwickelte Fähigkeiten des Erinnerungsvermögens, der kreativen Interpretation und Improvisation – die neuen Merkmale musikalischen Könnens – mindestens ebenso wichtig wie das Decodieren von Notation.

In der Musikpädagogik müssen die Lehrkräfte Wege finden, die intrinsische Motivation durch verstärktes Eingehen auf die Befriedigung individueller Bedürfnisse der Lernenden zu wecken und zu erhalten. Dazu muss man „dem Volk aufs Maul schauen“, wissen, was die „Kultur der Straße“ erfordert.  Wir müssen uns bewusst machen, dass so grundlegende Veränderungen der Rahmenbedingungen, in denen junge Menschen heute sozialisiert werden (Technologie, Mediennutzung usw.), andere Formen des Lehrens und Lernens erfordern. Wir müssen Brücken bauen von den Universitäten, Hochschulen oder Konservatorien zur Strasse, zum Volk und dessen Bedürfnissen. Wir müssen die Chancen des „Musiklernens“ in Gruppen erkennen, Entdeckendes Lernen fördern und  Lernprozesse moderieren können. Dann werden wir wesentlich mehr Menschen in musikalischen Bildungsprozessen finden, Menschen, die hochmotiviert sind zu lernen, und die normalerweise nicht zum Musizieren gekommen wären.

Eine Reform der Ausbildung ist notwendig. Das Verhältnis künstlerischer und pädagogischer Studiengänge zueinander (Diplom-Musiklehrer und Schulmusiker)verdeutlicht den Stellenwert musikpädagogischer Berufe. Die pädagogischen Tätigkeiten werden geringer geschätzt als die rein künstlerischen. Es ist eben nicht so, dass der hervorragende Instrumentalist auch gut unterrichten wird, wenn er nur selbst gut spielt.

Noch einmal Winfried Gruhn:

„Wie könnte eine musikalische Musiklehrer- (Musikvermittler)Ausbildung aussehen? Wir brauchen viel mehr musikalisch praktische Erfahrungen im Gruppenmusizieren, in Rhythmik und Perkussion, in Jazz und Pop, in Neuer Musik und Improvisation, in Tanz und Bewegung, in szenischer Erfahrung und Computer-Arrangement. Nicht pädagogische Theorie, sondern relevante musikalische Erfahrungen mit Rhythmen, Bewegungen, Modi, Formen und Stilen bilden den Einstieg in die eigene musikalische Bildung. Im Hauptstudium kommt dann ein lernpsychologisches Grundwissen zur musikpädagogischen Reflexion über musikalische Vermittlungsprozesse hinzu.“

5. Bildungspolitische Forderungen

Ich bin davon überzeugt, dass die intensive Beschäftigung mit der Musik und das aktive Musizieren eine gesellschaftliche Notwendigkeit sind. Musizieren beeinflusst die Voraussetzungen für ein harmonisches Zusammenleben in unserer Gesellschaft nachhaltig positiv.

Mein Ziel ist, dass bis zum Jahre 2020 unsere Gesellschaft die positiven Wirkungen überall verwirklichter musikalischer Breitenbildung erfährt und bestätigt findet.

Wir brauchen eine „Initiative zur Förderung gesellschaftlicher Bildung durch Musik“, die sich für die Entwicklung musikalischer Bildung aller Kinder (ungeachtet ihres sozialen oder ethnischen Status’) vom  4. Lebensmonat an bis zur Pubertät einsetzt.

Ø Eltern sollen erfahren und erleben können, wie Musik ihr Kind bereits ab dem 4. Lebensmonat in seiner Entwicklung prägen kann.

Ø Jedes Kind soll den eigenen Umgang mit Musik in der Kinderkrippe, dem Kindergarten und der Vorschule als selbstverständlichen Bestandteil seines täglichen Lebens erfahren können.

Ø Jedes Kind soll ab dem 7. Lebensjahr in der Grundschule durch das Erlernen und Spielen eines Musikinstruments seiner Wahl (z.B. durch die Methoden des KlassenMusizierens) emotionale und praktische Erfahrungen im Umgang mit der Musik machen können.

Durch musikalische Breitenbildung ermutigen wir Menschen, das eigene Musizieren, in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer, als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen. Bewusst muss populäre Musik aller Genres eingesetzt werden, um möglichst viele Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten anzusprechen.

Die Investitionen in die musikalische Breitenbildung werden erheblich sein. In diesem Zusammenhang rede ich bewusst von Investitionen, weil Kosten in der Wahrnehmung Vieler schlecht sind, Investitionen hingegen sinnvoll und gut. In der Tat geht es hier um langfristige Investitionen in die Verbesserung der Lebensqualität in unserer Gesellschaft. Motto: Lieber früh investieren, statt spät reparieren!“

Nach 20 Jahren musikalischer Breitenbildungsarbeit werden wir die Rendite dieser gesellschafts- und bildungspolitischen Investition in Gestalt einer sozial harmonischeren Gesellschaft genießen können. Das Killerargument, es fehle das Geld für ein solches Vorhaben, akzeptiere ich nicht. Es gibt viel Geld in unserer Gesellschaft, das nur darauf wartet, in die richtigen Bahnen gelenkt zu werden.

Damit das Ziel der Etablierung der musikalischen Breitenbildung bis 2020 gelingt, sind folgende Maßnahmen notwendig:

Ø In jedem Kinderhort und Kindergarten muss es in Zukunft eine Spezialistin oder  einen Spezialisten für frühkindliche Musikalisierung geben.

Ø Fachlehrer für Musik in den allgemeinbildenden Schulen müssen zu fähigen Praktikern für das KlassenMusizieren mit unterschiedlichen Besetzungen werden, die Schüler zur Musik hinführen und dauerhaft für das Musizieren begeistern können.

Ø Die Institutionen für die Ausbildung künftiger Lehrkräfte für Musik (Schulmusik und Musikschule) müssen neue Berufsfelder im musikalischen Bildungsbereich entwickeln und dafür ausbilden. Dazu müssen verstärkt ausgewiesene Praktiker in die Ausbildung an den Hochschulen, Universitäten und Konservatorien eingebunden werden.

Ø Verlage und Software-Entwickler müssen zielführende und neuartige Materialien für die motivierende Durchführung musikalischer Breitenbildung herstellen.

Ø Unsere Verbände und Organisationen im kulturellen Bereich müssen strategisch klug handeln, statt immer nur zu fordern und zu klagen. Sie müssen die Realisierung konkreter Ziele vorantreiben und die Energie ihrer Mitglieder dafür einsetzen. Wirkliche Änderungen und Reformen werden nicht durch Verordnungen „von oben“ erreicht, sondern nur durch Modelle und Erfahrungen „von unten“. Reformen beginnen in den Köpfen; Köpfe ändert man aber nicht durch Erlasse, sondern durch Erfahrungen.

Ø Die Politiker müssen sich in ihrer Verantwortung für die künftige Entwicklung unserer Gesellschaft nachweislich dafür einsetzen, dass langfristig und dauerhaft in die gesellschaftliche Bildung – dazu gehört insbesondere die Musik – investiert wird. Sie müssen erkennen, dass ihr Mandat  sie auch über ihre eigene Amtszeit hinaus in die Pflicht nimmt, zum Wohle der Bürger dieses Landes zu wirken. Nur Politiker, die diesen Anspruch einlösen, sind künftig noch wählbar. Wir sind das Volk und letztlich verantwortlich für die Entwicklungen, die wir zugelassen oder nicht verhindert haben.

Ich setze mich dafür ein, die jährliche Durchführung des Wettbewerbs INVENTIO in Kooperation der YAMAHA Stiftung und dem Deutschem Musikrat zu ermöglichen, um innovative musikpädagogische Konzepte und Konzeptionen zur Musikvermittlung in allen zuvor genannten Bildungsbereichen zu fördern.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür arbeiten, dass unsere Gesellschaft in 20 Jahren durch musikalische Breitenbildung für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger lebens- und liebenswerter wird als heutzutage.

Itzstedt, im Mai 2006

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