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Frühkindliche Bildung- Treibstoff fürs LebenOb Schule oder Kindergarten, skandinavisch ist „in“. Die Formel „von Finnland lernen“ ist zu einem geflügelten Wort für die familien- und bildungspolitische Diskussion geworden. Warum? Zum Beispiel, · weil es in Dänemark gelungen ist, eine beinahe ausgeglichene Erwerbsquote zwischen Männern und Frauen mit einer hohen Geburtenrate zu verbinden, · weil finnische Schüler bei internationalen Tests weit über dem Durchschnitt liegen, · weil die Hälfte der schwedischen Männer Vaterschaftsurlaub nimmt, · weil die skandinavischen Länder zu den wettbewerbsfähigsten der Welt zählen. Der schwedische Staat garantiert das Recht auf Kinderbetreuung und das Recht der Eltern auf berufliche Freistellung. Bis zum sechsten Lebensjahr werden schwedische Kinder in Kindertagesstätten betreut. In Finnland hat man vor 30 Jahren die neunjährige Einheitsschule eingeführt. Diese Schulen verwalten sich autonom. Sie entscheiden selbst über die Länge des Schultages und die Einstellung von Lehrkräften. Die Kinder stehen im Mittelpunkt des Schulalltages. Es wird alles getan, um ihnen ein optimales Lernumfeld zu ermöglichen. Fällt ein Schüler durch, wird dies als Versagen der Schule und nicht etwa des Kindes angesehen. Die Themen Bildung und insbesondere frühkindliche Bildung bewegen derzeit die Gemüter. Kein politisches Statement, dass neben Themen wie Arbeit, Gesundheit, Rente und Sicherheit nicht auch die Bildung berücksichtigt. Notwendig ist eine grundlegende Bildungsreform, eine umfassende Neuorientierung der frühkindlichen Bildung unter dem Motto "Früh investieren, statt spät reparieren". Deutschland, einst Exportweltmeister in Sachen Bildung, hat dieses Thema seit Ende der 70er Jahre dramatisch vernachlässigt. In unserem Land ist die Abhängigkeit der schulischen Leistungen der Kinder von der sozialen Stellung der Familien erschreckend ausgeprägt. Kein anderes Bildungssystem in Europa ist sozial ungerechter ist als unseres.
Die Verwirklichung von Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft gelingt nur, wenn Menschen ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft so früh wie möglich in Bildungsprozesse integriert werden. Der Zugang zu frühkindlicher Bildung und deren Qualität in Deutschland muss rasch und umfassend verbessert werden. „Ungebildete“ haben in unserer Wissensgesellschaft keine Chance. Grundlage einer notwendigen und umfassenden Reform der Schul- und Hochschulausbildung, die den Ruf Deutschlands als Wissenschafts- und Kulturnation erneuert, ist die frühkindliche Bildung. Exkurs: Neun Monate lang entstehen im „Kopf“ eines werdenden Menschen Minute für Minute 240.000 Nervenzellen. Jede dieser Zellen bildet kleine Verbindungskanäle, die sich zum Gehirn zusammenschließen. Zum Zeitpunkt der Geburt besteht das Gehirn eines Babys aus 100 Milliarden Zellen. Wie leistungsfähig und ausgebaut das Leitungsnetz letztendlich ist, hängt, so die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologen, wesentlich von der Förderung ab, die dem Kind zuteil wird. Nach der Geburt werden keine neuen Gehirnzellen mehr gebildet, so dass lediglich die Vernetzung der Nervenzellen über die Leistungsfähigkeit des Gehirns entscheidet. Nach der Geburt läuft ein Programm im Menschen ab, dass dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten aufeinander aufbauend und vernetzt strukturiert werden. Dafür werden in begrenzten Zeiträumen sogenannte Entwicklungszeitfenster geöffnet. Während dieser "Öffnungszeiten" können die jeweiligen Fähigkeiten besonders wirksam und effizient aufgebaut werden. Im Klartext heißt das: Werden die Entwicklungen nicht im richtigen Zeitraum begünstigt, verfallen die Lernchancen gnadenlos. Hieraus resultiert eine besondere Verantwortung für Bildungspolitiker, ErzieherInnen, PädagogInnen und natürlich auch Eltern, das Sinnvolle zum richtigen Zeitpunkt auch zu ermöglichen. Entscheidend für die Kinder ist, welche Anregungen sie in den ersten Jahren ihres Lebens erhalten. Man kann ein Menschenwesen voll entfalten oder zerstören. In diesem Zusammenhang kann die Bedeutung der Kindergärten als erste öffentliche Sozialisationsräume nicht hoch genug eingeschätzt werden - immerhin verbringt ein Kind dort rund 4.000 Stunden. Die Investitionen der Gesellschaft in die Bildung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland verteilen sich derzeit wie folgt: · 5.000 € jährlich in ein Kleinkind · 6.000 € jährlich in einen Schüler · 11.000 € jährlich in einen Studenten Umgekehrt wäre es richtig, denn die Förderung der Kleinsten bringt dem Staat und den Sozialsystemen langfristig mehr als sie kostet - z. B. weil dann die Nachqualifizierung arbeitsloser Jugendlicher, die kaum lesen und schreiben können, nicht mehr nötig wäre. Erkenntnisse: · Bildung beginnt spätestens mit der Geburt. Das soziale Umfeld, die Familie, die Krippe und die Kindertagesstätte, das Eingehen auf unterschiedliche Begabungen und nicht die Schule mit ihrem Selektionsdruck fördern die Entwicklung der Kinder. · Frühkindliche Bildung geht uns alle an. Sprachförderung, die Vermittlung musischer und mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse und Fähigkeiten erfordern hoch qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher. · Die frühe Integration sog. bildungsferner Schichten vermindert wirksam die Ausprägung verschärfender sozialer Gegensätze in unserer Gesellschaft. · Frühkindliche Bildung erfordert Investitionen in Milliardenhöhe. · Künftige Generationen werden nur durch Bildung, der Voraussetzung für Innovation, Wachstum und Wohlstand, zu kreativer Leistung befähigt. Kindertagesstätten und Kindergärten sind Bildungseinrichtungen und für die Bildungskarriere ebenso wichtig wie Schulen. Das Verständnis von Kindheit und der Stellung von Kindern in unserer Gesellschaft muss neu definiert werden. Kindergärten sind keine Verwahranstalten, in denen Kinder nur betreut und aufbewahrt werden, bis die Eltern sie wieder abholen. Dass ihre Kinder schon vor Schulbeginn einem unangemessenen Lern- und Leistungsdruck ausgesetzt werden könnten, befürchten viele Eltern ebenso wie den Verlust des natürlichen, kindlichen Spieltriebes, lassen deswegen den Kindern viel „Spielraum“ und vermeiden es, Grenzen zu setzen. Fakt ist: in den Elternhäusern wird kaum noch erzogen. Der Staat muss mehr denn je den Mangel an Erziehung in den Familien durch entsprechende Aktivitäten in Kindergärten und allgemein bildenden Schulen kompensieren. Die Denkweise „mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens", ist symptomatisch für die Einstellung der Deutschen zum Thema Bildung: Lernen bedeutet nicht Spaß, Freude oder Chance, sondern Arbeit, Langeweile und Zwang. Diese Einstellung ist fundamental falsch! Vielfach wird Kindheit als ein Schonraum gesehen, in dem Kindern keine Lernerfahrungen zugemutet werden. Wer Kindern in diesem Sinne „ihre Kindheit lässt“, fördert die intellektuelle Vernachlässigung von Kindern. Wenn Lernen und Anstrengung eine Last sind, wir frühkindliche Betreuung der Bildung vorziehen, wir nicht erkennen, dass Anstrengung und Förderung Kindern zum Glück verhelfen können, werden Bildung und persönliche Leistungsbereitschaft nicht mehr als Grundlage für Wohlstand und Wohlergehen verstanden. Konsum und Spaß als Leitmotive ersetzen tradierte Werte. Diesen Fehlentwicklungen müssen wir gegensteuern: · Vertrauen wir auf die kindliche Neugier und die natürliche Lernbereitschaft. · Ermöglichen wir Lernen ab der Geburt und nicht erst in der Schule. · Verstehen wir die frühkindliche Bildung als einen wichtigen Teil der Bildungskarriere eines Menschen. · Kinderkrippen und Kindergärten müssen konsequent auf die notwendigen und neuen Bildungsaufgaben ausgerichtet werden. 90 Prozent unserer Kinder besuchen im letzten Jahr vor der Einschulung einen Kindergarten. Bei den Vier- bis Fünfjährigen liegt die Quote nur bei knapp 86 Prozent. Das klingt beruhigend, aber andere Länder bringen es auf 100 Prozent. Dort geht jedes Kind in den Kindergarten. Wir brauchen einen gebührenfreien Kindergarten für alle Kinder bis zu sechs Jahren, wie in Schweden und Kindergartenpflicht. Nur so und mit Anwendung kindgemäßer Lernformen kann aus Kinderbetreuung Kinderbildung werden. Ein verbessertes Betreuungs- und Bildungsangebot der Kinderkrippen und Kindergärten ist besonders wichtig für Kinder aus problematischen sozialen Verhältnissen und aus Migrantenfamilien. Die Kindergartenpflicht würde insbesondere auch diese Kinder erreichen und die Integration in die Gesellschaft beschleunigen. Erwiesen ist: Je früher Kinder aus sozial benachteiligten Milieus und aus Migrantenfamilien sprachlich gefördert werden, desto größer sind ihre Erfolgschancen in Schule und Beruf. Ein Kind aus der Mittelschicht kommt bis zur Einschulung auf 1.700 Stunden Bilderbetrachtung oder Vorlesezeit zusammen mit den Eltern. Bedrückend ist, dass Kinder aus sozial schwachen Milieus im Durchschnitt nur auf 24 Stunden kommen. Diese Kinder müssen stärker als andere gefördert werden. Die Kindertagesstätten müssen solche Kinder besser, vor allem früher erreichen.
Forderungen: 1. Alle Kinder in die Kitas! 2. Mehr Chancengerechtigkeit für Kinder aus sozial benachteiligten Milieus und Migrantenfamilien! 3. Höherqualifizierung von Erzieherinnen und Erziehern! In Deutschland kümmern sich zur Zeit rund 375.000 Fachkräfte, darunter 240.000 Erzieherinnen und Erzieher, täglich um die Betreuung unserer Kleinsten. Wir wissen: Die Arbeit der ErzieherInnen ist schwierig, anstrengend und in vielerlei Hinsicht herausfordernd. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch Erzieherinnen und Erzieher wie Grundschullehrer ein Hochschulstudium absolvieren sollten, in den meisten europäischen Ländern außer Deutschland bereits eine Selbstverständlichkeit. Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen erfordern eine deutlich verbesserte Ausbildung des Personals. Der Beruf der ErzieherInnen muss für Berufsanfänger insgesamt attraktiver gemacht werden und auch in der Öffentlichkeit mehr Wertschätzung erfahren. Künftige Fortbildung für ErzieherInnen als Grundlage aller künftigen Aus- und Fortbildung von ErzieherInnen sollte einem Weiterbildungscurriculum folgen, das ständig neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie, der Neurobiologie, der Medizin, der Soziologie und der Pädagogik mit Schwerpunkten in Musik, Sprachförderung und Naturwissenschaften angepasst wird. Eindeutige Stärken Deutschlands im globalen Wettbewerb sind Faktoren wie Kultur, Bildung und Wissenschaft. Diese Stärken dürfen nicht vernachlässigt werden. Es gibt kaum eine bessere Investition in die Zukunft eines Gemeinwesens, als die in Bildung. Kleingeister und Politiker sprechen in diesem Zusammenhang negierend von Kosten statt von Investitionen, die allgemein als sinnvoll akzeptiert werden. Am Beispiel Finnlands wird deutlich: Erfolg hat, wer in die Bildung von Menschen investiert. Kritische Mitbürger stellen besorgt die volkswirtschaftlich motivierte Kosten-Nutzen-Frage hinsichtlich der Ergänzung der häuslichen Betreuung von Kindern durch Kitas oder Kindergärten: „Welche Rendite bringen Investitionen in qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung? Langzeitstudien, die sich auf Vorschulprogramme stützen, belegen eine Rendite von 12 Prozent. Hochschulausbildung zum Beispiel liegt deutlich dahinter: zwischen 3 und 4 Prozent. Der Übergang von der Produktionsgesellschaft zur Wissensgesellschaft hat längst begonnen. Die Arbeitswelt ist geprägt von Begriffen wie Flexibilität, die Produktion erfolgt "just in time" und "on demand", die Arbeitswelt verändert sich in immer kürzeren Intervallen, die Halbwertzeit heutigen Wissens beträgt nicht mehr wie im 20. Jahrhundert bis zu 50 Jahre, sondern nur noch 5 Jahre. Nicht das Vorhandensein von Produktionsmitteln und natürlichen Rohstoffen entscheidet über den Erfolg einer Nation. Wissen, technologisches Know-how und Kreativität sind die wichtigsten Güter. Wurde der Wert einer Maschine noch vor wenigen Jahrzehnten größtenteils durch ihren Materialwert und ihre Produktionskosten bestimmt, so kalkuliert man dafür heute nur noch etwa 20 Prozent. Den größten Teil des Wertes bilden Entwicklung oder Software und Design. Wertschöpfungsfaktoren mit hoher Wissensintensität entscheiden künftig über den Erfolg einer Gesellschaft im globalen Wettbewerb. Bildung ist in diesem Zusammenhang die volkswirtschaftlich wichtigste Investition. Wer nicht investiert, fällt zurück. Die Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen sind: · Kinder sind vollwertige Menschen. · Jedes Kind hat von Geburt an große Entwicklungspotentiale. · Kinder haben eine natürliche Lernbereitschaft. · Kinder wollen etwas leisten und gefordert werden. · Je früher Kinder gefördert werden, desto mehr Potentiale können sie entwickeln. · Wir brauchen ein System frühkindlicher Bildung in Deutschland, das den unterschiedlichen Begabungen der Kinder gerecht wird und ihnen Chancen gibt, ihr Potenzial voll zu entwickeln. · Veränderungen sind notwendig und machbar. · Mehr Kinder, vor allem aus sozial benachteiligten Verhältnissen, müssen von besser ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern frühzeitig an die Wunderwelt des Wissens herangeführt werden. Wir dürfen nicht zögern, diese Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Es geht um die Entwicklung unserer Kinder. Nehmen wir in unseren Gemeinden die Dinge selbst in die Hand. Es liegt an uns, ob zukünftig in Deutschland alle Talente gefördert werden. Etwas anderes sollten wir nicht zulassen. |
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