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Musikalische Breitenbildung – eine gesellschaftliche Notwendigkeit




Staatlich und kommunal geförderte Musikschulen versus private Musikschulen – Konkurrenz oder Synergismus?

Seit Jahrzehnten sind in Westeuropa staatlich und kommunal geförderte Musik-schulen zusammen mit privaten Musikschulen und selbständigen Musiklehrern die Träger der außerschulischen musikalischen Bildung. War bis zum Zerfall des Staatengebildes der ehemaligen Sowjetunion in deren Ländern die staatliche Förde-rung der Musikschulen unstrittig, änderte sich im Zuge der politischen Umwälzun-gen die Fähigkeit und die Bereitschaft der kommunalen und staatlichen Geldgeber, die bisher gewährte Förderung aufrechtzuerhalten.

Auch in osteuropäischen Ländern gibt es nach wie vor ein klar strukturiertes System der musikalischen Bildung außerhalb der allgemeinbildenden Schule. Un-terricht in Instrumentalspiel, Gesang und Theorie wird interessierten und talentier-ten Kindern kostenfrei erteilt. Regelmäßige Zwischenprüfungen legitimieren die Fortführung oder den Abbruch des Unterrichts. Der Gedanke, dass allen, auch je-nen, die nur aus Spaß musizieren möchten, der Zugang zu musikalischer Bildung möglich sein müsse, war und ist diesem System nicht immanent. Die staatlich und kommunal geförderten Musikschuleinrichtungen in Ost und West verstehen ihren Auftrag traditionell als Förderung der vorberuflichen Qualifikation und der Heran-bildung einer musizierenden Elite.

Nach Öffnung der osteuropäischen Grenzen wurde sehr früh die Yamaha Mu-sikschule, die sich als musikpädagogisches Dienstleistungsunternehmen versteht und bereits seit 1954 weltweit operiert, auch in diesen Ländern aktiv und propa-gierte das Musizieren als sinnvolle und mit Spaß verbundene Freizeitbeschäfti-gung, die eine sorgfältige musikalische Grundbildung nicht zwangsläufig aus-schließt.

Das Wachstum der privatwirtschaftlich geführten Yamaha Musikschulen (YMS) setzt sich seit 40 Jahren mit zunehmender Dynamik fort. Im Zeitraum von 1972 bis 2006 sind innerhalb des Yamaha  Musikschulsystems allein in Deutsch-land (alte und neue Bundesländer) mehr als 2.000 berufliche Existenzen entstan-den, weitere 700 kommen in den Ländern Polen, Litauen, Tschechien und Slowa-kei hinzu. Diese arbeitsmarktpolitisch relevante Entwicklung vollzieht sich ohne staatliche oder kommunale Hilfen.

Die YMS hat durch ihre Beiträge die musikalische Bildungsarbeit sehr belebt. Sie hat 1954 ein besonderes, systematisch aufgebautes Programm zur musikali-schen Früherziehung entwickelt, Grundlage und Vorbild für viele andere heute gebräuchliche musikpädagogische Konzepte dieses Bereichs. Bis heute hat das Yamaha-Programm der musikalischen Elementarerziehung, in den deutschsprachi-gen Ländern bekannt unter dem Namen „Hörbie und Tönchen erleben Musik“, eine Alleinstellung hinsichtlich der konsequenten Gehörbildung und der Umsetzung klarer musikpädagogischer Ziele, die Kinder mit musikalischen Kompetenzen aus-statten, die in anderen Musikalisierungsprogrammen nicht angestrebt oder erreicht werden. Kennzeichnend ist ebenfalls das stringente Curriculum der frühkindlichen Musikalisierung der YMS, welches Kinder ab der Geburt („Robbie“) über den Kindergarten („Krabbelkinder mit Musik“) und das Vorschulalter („Hörbie und Tönchen erleben Musik“) bis in die allgemeinbildende Schule begleitet und den jeweiligen neurobiologischen und physiologischen Entwicklungsmöglichkeiten entsprechend bildet.

Seit 1972 praktiziert die YMS den offenen Gruppenunterricht als pädagogisch sinnvolle Alternative und Ergänzung zum instrumentalen Einzelunterricht. Bis vor zehn Jahren noch wurde der Gruppenunterricht seitens der „offiziellen Musikpäda-gogik“ zur Vermittlung des Instrumentalspiels als minderwertig abgetan. Heute werden die Potentiale dieser Vermittlungsform zunehmend anerkannt und auch in kommunalen Musikschulen gefordert.

Bemerkenswert ist, dass die staatlich und kommunal geförderten Musikschulen keinesfalls unter der Aktivität der privaten Wettbewerber leiden. Das Gegenteil ist der Fall: die unterschiedlichen Angebote zur musikalischen Bildung werden in der Bevölkerung positiv wahrgenommen und bewirken eine synergetische Verstär-kung. Nie zuvor waren so viele Menschen unterschiedlichen Alters in musikalische Bildungsprozesse involviert wie heutzutage. War früher die Teilhabe an musikali-scher Bildung nicht nur den sozial, sondern vor allem ökonomisch besser gestellten Schichten vorbehalten, ist dieses Privileg einer breiteren gesellschaftlichen Akzep-tanz und Inanspruchnahme gewichen.

Tatsache ist: Die ursprüngliche Sorge der kommunal und staatlich betriebenen Musikschulen, private Mitbewerber würden ihre Existenz bedrohen, hat sich als unbegründet erwiesen. In west- und osteuropäischen Ländern wächst die Zahl der Musizierenden insgesamt und die Systeme (kommunale vs. private Musikschulen)  ergänzen einander synergetisch hinsichtlich der Bildungsangebote und Kosten-strukturen. Dennoch ist der Druck auf die kommunalen Haushalte zunehmend Ausgangspunkt umfangreicher Überlegungen, ob sich eine Stadt oder ein Land-kreis den Fortbestand seiner Musikschule künftig noch leisten kann (will) oder nicht. Die Umwandlung einer kommunalen Musikschule in eine gemeinnützige GmbH, das Einfrieren der finanziellen Unterstützung auf niedrig(st)em Niveau, die Praxis, aus Altersgründen vakant gewordene BAT-Stellen nicht erneut zu verge-ben, sondern mit freien Mitarbeitern zu besetzen, die Schließung und Privatisierung der Bildungseinrichtung und weitere Maßnahmen sind das Resultat  administrativer und auf Kostenoptimierung ausgerichteter Denkweisen.

Mit Begehrlichkeit blicken Kommunalpolitiker auf erfolgreiche private Musik-schulen, leisten diese doch ohne Subventionen vielfältige und positiv wahrgenom-mene Bildungsarbeit. Das Argument einiger kommunaler Musikschulleiter, gute Qualität sei nur im Rahmen staatlich garantierter BAT-Bezahlung möglich, erweist sich als untauglich. Die Anrufung der „Qualität“, um kürzungswütige und kurz-sichtige Kommunalpolitiker von der Zerstörung bewährter und wichtiger kommu-naler Musikschulstrukturen abzuhalten, ist bedenklich.

Exkurs: Was ist Qualität?

Obgleich die Bezeichnung „Qualität“ keine Bewertung beinhaltet, wird der Begriff im Alltag wertend gebraucht. In der Alltagssprache steht Qualität häufig als Syn-onym für Güte. Man spricht von „guter“ oder „schlechter“ Qualität. Erwirbt ein Kunde ein Produkt oder eine Dienstleistung und erfüllen diese ihren Zweck für den Kunden, so wird ihnen im allgemeinen Sprachgebrauch eine „gute Qualität“ zuge-schrieben.

Die Qualitätsbetrachtung aus Kundenperspektive ist auf die Wahrnehmung der Produkteigenschaften bzw. Leistungen fokussiert. Letztlich entscheiden nicht allein die objektiv vorhandenen Qualitätsmerkmale über die Qualitätsposition einer Dienstleistung beim Kunden. Diese Positionierung erfolgt vielmehr vor dem Hin-tergrund eines subjektiven Urteils über die von ihm als wichtig erachteten Eigen-schaften.

Hier sind wir bei der Frage angelangt, ob Qualität objektivbar ist oder nur sub-jektiv erlebt werden kann.

Fazit: „Die Qualität“ gibt es nicht, sie ist eine Fiktion, eine Unterstellung, die bewusste Annahme einer Vorstellung als allgemeingültige Erkenntnis. Es ist mithin untauglich, „die Qualität“ als Legitimationskriterium für fortzusetzende Subventi-onspolitik anzuführen. Qualität bedarf immer der Abstimmung, was in welcher Situation darunter zu verstehen ist. Man kann versuchen, Qualität planmäßig zu erzeugen, über die Wahrnehmung von Qualität entscheidet jedoch die subjektive Wahrnehmung der Abnehmer einer Leistung und nicht die Auffassung oder die Intention der Anbieter. Dies ist gewiss eine unbequeme Erkenntnis für jene, die sich bislang mit erhobenem pädagogisierendem Zeigefinger als Wahrer der „Quali-tät“ empfunden und dargestellt haben.

Musikalische Breitenbildung – Musik für alle

Die Förderung der musikalischen Bildung in der Breite der Gesellschaft ist die eindeutige Legitimation staatlicher und kommunaler Unterstützung. Musikalische Breitenbildung bedeutet nach meiner Auffassung, dass alle Mitglieder eines Ge-meinwesens ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft

· ab der Geburt zusammen mit einem Elternteil an altersgerechten musikalisier-enden Bildungsprozessen teilnehmen können,

· in Kindergärten und Vorschulen systematische musikalische Bildungsarbeit unter Betonung des Aspekts der Sprachförderung erleben und

· in den allgemeinbildenden Schulen unter anderem mit den Methoden des soge-nannten „KlassenMusizierens“ weiterführende musikalische Bildung erhalten, die sie befähigt, Musik musikalisch erfahren, erleben, gestalten und verstehen zu können.

Nicht das Wissen über Musik, sondern musikalische Kompetenz ist das Merkmal  solcher musikalischer Bildung. Sie äußert sich in der Fähigkeit, Musik reproduzie-rend darstellen, interpretieren und durch Improvisation oder Komposition eigene Ideen und Gefühle ausdrücken zu können.

Musikalische Breitenbildung dieser Art schließt die Bildung einer musizieren-den Elite („Jugend musiziert“) nicht aus, wirkt nach wie vor berufsvorbereitend und verdient breite und nachhaltige Unterstützung durch die Bundes- und Kommu-nalpolitik, denn sie leistet einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Bildung mit tiefgreifenden positiven Langzeiteffekten für das Gemeinwesen.

Kommunalpolitiker, die in den privaten Musikschulen die Möglichkeit zur Kostenoptimierung ihrer Haushalte sahen, verstehen zunehmend, dass die vielfälti-gen staatlich und kommunal geförderten Bildungsstrukturen von privaten Anbie-tern nicht in dem Umfang geleistet werden können, der für den Erhalt lebendiger Kulturlandschaften notwendig ist.

Erkennt die Politik an, dass finanzielle Aufwendungen für musikalische Bil-dung und insbesondere für die musikalische Breitenbildung nicht als Kosten, son-dern als langfristig wirkende Investitionen in ein sozial harmonischeres Gemein-wesen zu betrachten sind, dann wird deutlich, dass Privatisierung, Subventionsab-bau oder Schließung von Musikschulen Mittel kultureller Brandrodung sind und nicht Zeichen der Weitsicht und des politisch verantwortlichen Handelns. Blühende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Landschaften entstehen nicht auf ausgedörr-ten Böden.

Bildung – Investition in die Zukunft

„Noch teurer als Bildung ist keine Bildung.“ (John F. Kennedy)

Deutschlands Stärken im globalen Wettbewerb sind Faktoren wie Kultur, Bildung und Wissenschaft. Diese Stärken dürfen nicht vernachlässigt werden. Es gibt keine bessere Investition in die Zukunft eines Gemeinwesens als die in Bildung. Am Beispiel Finnlands wird deutlich: Erfolg hat, wer in die Bildung von Menschen investiert. Dazu der künstlerische Leiter des Rundfunkchors Berlin, Simon Halsey:

„Ich glaube, dass die Skandinavier, besonders die Finnen, den richtigen Weg gefunden haben. Sie haben das außergewöhnlichste Musikerziehungssystem. Jedes Kind erlernt ein Instrument, lernt zu singen, lernt Musiktheorie, lernt zu dirigieren. Vier Millionen Finnen, und jede und jeder ist praktisch ein Musiker.“ (1) 

Die PISA-Studie gibt Simon Halsey recht. Ein Land wie Finnland hat nicht nur ein gebildetes Musikpublikum, sondern generell sehr gut und breit gebildete Men-schen.

Deutschland hat das Thema Bildung seit Ende der 70er Jahre dramatisch ver-nachlässigt. In unserem Land ist die Abhängigkeit der schulischen Leistungen der Kinder von der sozialen Stellung der Familien erschreckend ausgeprägt. Kein an-deres Bildungssystem in Europa ist sozial ungerechter ist als unseres. Die Verwirk-lichung von Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft gelingt nur, wenn Men-schen ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft so früh wie möglich in Bildungsprozesse integriert werden. „Ungebildete“ sind in der Wissensgesellschaft chancenlos.

Grundlage einer notwendigen und umfassenden Reform der Schul- und Hoch-schulausbildung, die den Ruf Deutschlands als Wissenschafts- und Kulturnation erneuert, ist die frühkindliche Bildung. Notwendig ist eine grundlegende Bildungs-reform, auch eine umfassende Neuorientierung der frühkindlichen Bildung unter dem Motto „Früh investieren, statt spät reparieren“.

In Deutschland verteilen sich die Investitionen der Gesellschaft in die Bildung von Kindern und Jugendlichen wie folgt:

· 5.000 € jährlich in ein Kleinkind

· 6.000 € jährlich in einen Schüler

· 11.000 € jährlich in einen Studenten

Umgekehrt wäre es sinnvoll, denn die Förderung der Jüngsten bringt dem Staat und den Sozialsystemen langfristig mehr als sie kostet – so entfiele beispielsweise die Nachqualifizierung arbeitsloser Jugendlicher, die kaum lesen und schreiben kön-nen. Wer heute an den Kindern spart, wird morgen verarmen.

Kritische Mitbürger stellen besorgt die volkswirtschaftlich motivierte Kosten-Nutzen-Frage hinsichtlich der Ergänzung des Bildungssystems um die frühkindli-che Komponente. Langzeitstudien, die sich auf Vorschulprogramme stützen, bele-gen eine Investitionsrendite von 12 Prozent. Hochschulausbildung hingegen liegt mit drei bis vier Prozent deutlich dahinter.

Zur Legitimation der Ausgaben für musikalische Bildung wird verstärkt auf außerschulische Transfereffekte der Musik gesetzt, also auf den Versuch eines Nachweises, dass sich musikalische Beschäftigung positiv auf Kreativität, Intelli-genz, Sozialverhalten, emotionale Stabilität, Flexibilität und Teamfähigkeit aus-wirke. Unbestritten ist:

· Musik hat einen Effekt auf die Entwicklung neuronaler Vernetzung und die Bildung spezifischer Repräsentationsmuster.

· Die Entwicklung und Förderung einer kreativen, von positivem Sozialverhalten geprägten und wirtschaftlich leistungsfähigen Gesellschaft erfordert sinnvolle Investitionen in Bildungs- und Kulturangebote sowie einen verantwortungsvol-len, ergebnisorientierten Umgang mit allen Ressourcen eines Gemeinwesens. Musikalische Bildung und Übung können in diesem Sinne einen wichtigen Bei-trag leisten.

Musikvermittlung – eine Zukunftsaufgabe

Die Allgegenwärtigkeit und permanente Konsumierbarkeit von Musik jeden Gen-res hat in den vergangenen 50 Jahren zu einem stark veränderten Umgang mit Mu-sik geführt. Durch Rundfunk, Fernsehen, Walkman, CD, MP3-Player, durch eine große Vielfalt von Konzertveranstaltungen jedweder Art ist Musik zu einem Kon-sumgut geworden. Ob am Arbeitsplatz, im Kaufhaus, beim Zahnarzt, im Flugzeug, im Auto oder im Kuhstall: Ohne Musik geht nichts mehr.

Für viele Menschen steht das Musikhören an vorderer Stelle ihrer Freizeitakti-vitäten. Derzeit geht man davon aus, dass in der BRD 8% der Einwohner ein Mu-sikinstrument spielen oder in Chören singen und dass etwa 22% der Bevölkerung früher einmal musizierend aktiv gewesen sind. Rund 30% der Bevölkerung könn-ten also im weiteren Sinne als „musikalisch aktiv“ betrachtet werden. Dem gegen-über stehen 70% der Bevölkerung, die in keiner Form musizierend aktiv waren oder sind. Durch Elternhaus, Kindergarten, Schule und Freundeskreis erworbene Sing- und Musizierhemmungen unterschiedlicher Art halten sie davon ab.  Die Eltern scheuen sich, ihrem Kind ein Liedchen vorzusingen, die Kindergärtnerin hält sich für unmusikalisch und hat es zudem in der Ausbildung ja auch nicht rich-tig gelernt. In der Grundschule fallen 80% des Musikunterrichts aus (Prof. Hans Bäßler, Präsident des VDS (2)), wird er erteilt, dann häufig von fachfremd unterrich-tenden Lehrkräften, selten von ausgebildeten Fachkräften.

Eltern haben trotz der Verfügbarkeit von Musik kein abrufbares Liedgut für die Kommunikation mit ihren Kindern mehr parat, sie wissen nicht, was und wie sie mit ihren Kleinkindern spielen oder singen könnten.

Faktum ist: Die digitalisierte Klangwelt vermittelt den Menschen ein Nullfeh-ler- und Perfektionsideal, dass es in der Musizier-Praxis nicht gibt. Man fürchtet, diesem Standard nicht zu entsprechen und vermeidet daher eigene musikalische Betätigung.

Die demographische Entwicklung in Europa stellt unsere Bildungssysteme vor neue Aufgaben. Nie war der Begriff „lebenslanges Lernen“ so aktuell wie heute. Es werden immer weniger Kinder geboren, der Anteil der über Fünfzigjährigen wächst stetig und wird in zwanzig Jahren mehr als 30% unserer Gesamtbevölke-rung ausmachen. Einerseits müssen wir die großen Bildungspotentiale der früh-kindlichen Persönlichkeit stärker und konsequenter fördern und andererseits musi-kalische Bildungsangebote für Menschen im dritten Lebensabschnitt entwickeln.

Durch entsprechende Musikvermittlung müssen wir künftig

· heterogenen Bevölkerungsschichten vielfältige Zugänge zur Musik anbieten,

· Annäherung und Verständnis für Musik in ihrer Vielfalt bewirken,

· Menschen ermutigen, das eigene Musizieren, in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer, als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen.

· neben der Konzentration auf die Früh- und Spitzenförderung aufzeigen, dass musikalische Bildung auch zur sinnerfüllten Lebensgestaltung beitragen kann.

Konsequenzen

Um die musikalische Breitenbildung erfolgreich zu etablieren, sind folgende Maß-nahmen notwendig:

· In jedem Kinderhort und Kindergarten muss es in Zukunft Spezialisten für frühkindliche Musikalisierung geben.

· Fachlehrer für Musik in den allgemeinbildenden Schulen müssen zu fähigen Praktikern für das „KlassenMusizieren“ mit unterschiedlichen Besetzungen werden, die Schüler an die Musik heranführen und dauerhaft für das Musizie-ren begeistern können.

· Die Institutionen für die Ausbildung künftiger Lehrkräfte für Musik (in Schul-musik und Musikschule) müssen neue Berufsfelder im musikalischen Bil-dungsbereich entwickeln und dafür ausbilden. Hierzu müssen verstärkt ausge-wiesene Praktiker in die Ausbildung an den Hochschulen, Universitäten und Konservatorien eingebunden werden.

· Verlage und Software-Entwickler müssen zielführende Materialien für die mo-tivierende Durchführung musikalischer Breitenbildung herstellen.

· Verbände und Organisationen in den Bereichen Kultur und Bildung müssen strategisch klug handeln und auf die Realisierung konkreter Ziele hinarbeiten.

· In der Musikpädagogik müssen wir uns bewusst machen, dass die grundlegend veränderten Rahmenbedingungen, in denen Menschen heute sozial und kultu-rell gebildet werden (Technologie, Mediennutzung usw.), andere Formen des Lehrens und Lernens erfordern. Wir müssen Brücken bauen von den Universi-täten, Hochschulen und Konservatorien „zur Straße“, zur Bevölkerung und de-ren Bedürfnissen.

Wir müssen

· die Chancen des Musiklernens in Gruppen erkennen,

· entdeckendes Lernen fördern und

· Lernprozesse moderieren können.

Dann werden wir wesentlich mehr Menschen in musikalischen Bildungsprozessen finden, Menschen, die hochmotiviert sind zu lernen und die normalerweise nicht zum Musizieren gekommen wären.

Eine Reform der Ausbildung ist überfällig. Das Verhältnis künstlerischer und pädagogischer Studiengänge zueinander (Diplom-Musiklehrer und Schulmusiker) verdeutlicht den Stellenwert musikpädagogischer Berufe. Die pädagogischen Tä-tigkeiten werden geringer geschätzt als die rein künstlerischen, aber der hervorra-gende Instrumentalist ist nicht zwangsläufig auch ein guter Pädagoge.

Lassen Sie uns daran arbeiten, dass alle Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Gesellschaft musikalische Bildung und Betätigung als ein wichtiges, ihr Leben bereicherndes Element erfahren können.

(1) Simon Halsey im Gespräch mit dem Autor

(2) Während einer Podiumsdiskussion anlässlich der Veranstaltung „Forum Musikalische Bildung“ des Deutschen Musikrates,  Berlin 16. Januar 2007

Hinweis: Erschienen in Communicating Diversity - Musik lehren und lernen in Europa, Malmberg, Isolde; Wimmer, Constanze (Hg),  Festschrift für Franz Niermann, Augsburg, 2007

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