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Entwicklungsgeschichtliche Aspekte der Musikalischen Früh- und Elementarerziehung der Yamaha MusikpädagogikTranskription eines Interviews vom 16. März 2002 anläßlich der Musikmesse Frankfurt. Renate Stipler (S) sprach mit Professor Asmus J. Hintz (H), General Manager des Bereichs Music Education der Yamaha Music Central Europe GmbH und Direktor der Yamaha Academy of Music Hamburg. S: Wann wurden die ersten Musikkurse im Vorschulalter angeboten? H: 1954 hat Yamaha in Japan die ersten Unterrichtsversuche im Bereich der musikalischen Früherziehung unternommen. Was wir in den 60er Jahren in Deutschland gemacht haben, basiert auf den Entwicklungen, die seit 1954 in Japan gemacht worden sind. 10 Jahre später kam dieses Konzept nach Deutschland. S: Dann sind so genannte Gründungsväter Japaner und nicht Deutsche, von den ersten Kursen? H: Das ist richtig. S: Wissen Sie bestimmte Namen? H: Eizo Itoh, ein ausgewiesener Musikpädagoge, hat zusammen mit anderen die Grundlagen dieser MFE geschaffen. S: Was war in Japan der Grund, der Auslöser, der soziokulturelle Zusammenhang, solche Kurse anzubieten? Die waren damals, `54, auch neu in Japan. H: Man muss das in einem größeren historischen Zusammenhang sehen. Vor 160 Jahren ungefähr hielt die europäische Musik in Japan Einzug. Bis dahin war die europäische Musik in Japan nicht sehr verbreitet. Seinerzeit beschloss die japanische Regierung, sich mit dem deutschen Bildungssystem zu beschäftigen. Im Zuge der Reformen wurde die Abendländische Musik in Japan etabliert. Nach dem 2. Weltkrieg hatte der damalige Präsident des Unternehmens Yamaha, Genichi Kawakami, in den USA und Europa die dort relativ gut entwickelten Systeme der Musikerziehung kennengelernt. Er erkannte die Bedeutung der Förderung musikalischer Ausbildung in der Breite der Gesellschaft. Daraus entstand der Auftrag, diese MFE zu entwickeln. Eingeflossen sind Erkenntnisse von Kodály, von Orff, von anderen, die sich auf diesem Gebiet bereits betätigt haben. Einige ganz entscheidende Dinge sind allerdings später hinzugekommen. Darauf werde ich im Folgenden noch eingehen. In Japan gibt es bis heute keine staatlich oder kommunal geförderte Musikerziehung. S: Die recht niedrig ist im Verhältnis, aber wenigstens vorhanden. H: In Japan ist das Feld der Musikpädagogik privaten Initiativen überlassen. Die Yamaha Musikschulen haben ca. 800 000 Schülern weltweit, ähnlich wie in Deutschland die Musikschulen des VdM. Die Yamaha Musikschulen (ca. 10.000 Lehrkräfte) verfügen über ein breit gefächertes Angebot an Unterrichtsangeboten. Außer Yamaha gibt es in Japan noch weitere Anbieter wie Technics, Kawai oder Roland, die man bei uns nicht in Zusammenhang mit Musikpädagogik bringen würde. Diese privaten Inititativen gehören in Japan zum festen Bestandteil der Musikausbildung. S: So sind die ersten Kurse MFE in Japan von einem Konzern, einer Firma initiiert. H: Richtig. S: Steht diese Orientierung an europäischer Musik, die Wertschätzung westlicher Musik in Zusammenhang mit einer allgemeinen Orientierung Japans an den Westen? H: Ja, bis vor 160 Jahren war Japan abgeschottet und man pflegte die traditionelle japanische Musik. Die Japaner versuchten, die europäische Musik zu verstehen, und insbesondere deutsche Komponisten und deutsches Liedgut spielten eine wichtige Rolle. Sie finden heute noch in den Lehrbüchern für Musik in den allgemein bildenden Schulen in Japan viele deutsche Volkslieder: „Am Brunnen vor dem Tore“ singt Ihnen kein Deutscher mit allen Strophen vor, aber fast jeder Japaner. Das „Heidenröslein“ singt ihnen annähend jeder Japaner mit leuchtenden Augen vor. S: Welcher deutscher Schüler kann das noch? H: Eben, in Japan steht es in den Büchern und wird gelehrt. Die Schüler lernen das auswendig. Für sie ist es ein hoher Wert, diese Lieder zu kennen und zu können. Sie singen diese i. d. R. mit japanischen Texten. Deutsches Liedgut hat einen hohen Stellenwert gehabt. S: Das Fach Musik hat in Japan eine breite Bevölkerungsschicht erreicht und gehalten. Und die ersten Kindermusikkurse 1954 in Japan waren gleichzeitig das erste Unterrichtsangebot von Yamaha überhaupt. H: Richtig. Es sind Millionen von Kindern und heutigen Erwachsenen durch diese Früherziehung gegangen. Es gehört noch heute in Japan zum guten Ton, dass man sein Kind zu MFE in die Yamaha Musikschule schickt. S: Nach welchem Konzept wurde zuerst unterrichtet? Wurde ausschließlich die europäische Musik den japanischen Kindern vorgestellt, z. B. als Hörbeispiel? Die traditionelle japanische Musik wurde ausgeklammert. H: Ja, die traditionelle Musik spielt in Japan eine geringe Rolle, vergleichbar mit den Minneliedern von Walther von der Vogelweide, die bei uns ja auch nicht gerade populär sind. S: Hat Yamaha selbst Forschungen unternommen? Sind diese zugänglich oder intern? H: Ja. Uns hat die Erkenntnis geleitet, dass die Sprachlernphase des Menschen sich intensiv in der Zeitspanne vom 3.-6. Lebensjahr vollzieht. Ein Kind im Alter von 3-6 ist ein „Ohrmensch“, weil es in dieser Zeitspanne seine Muttersprache entwickelt und alles mit Hilfe der Imitation lernt. Ein Kind in dieser Zeit lernt 600-800 Worte pro Jahr dazu, um seinen Wortschatz aufzubauen. Das Zeitfenster „Gehörbildung“ ist weit geöffnet. Ab dem 7. Lebensjahr schließt sich dieses Zeitfenster und die Entwicklungsmöglichkeiten der Feinmotorik kommen in den Vordergrund. Wir haben gelernt: Was ein Kind bis zu Vollendung des 6. Lebensjahres im Bereich Gehörbildung nicht gelernt hat, kann es in der möglichen Qualität in späteren Lebensabschnitten nicht mehr erreichen. S: Die Forschungen sind in Japan gemacht worden, mit japanischen Kindern? H: Teilweise in Japan, teilweise in den USA. Wir bilden die Kinder in Gehörbildung intensiv aus und zwar mit Hilfe der Solmisation. Wir arbeiten mit der absoulten Solmisation, Do ist immer gleich C. Infolgedessen singen die Kinder sehr viel in unserem Unterricht. S: Ich darf noch einmal zusammenfassen: In Ihrem Konzept wird angestrebt, das Musiklernen an die Sprachentwicklung anzukoppeln. H: Ja, für uns ist Musik ein Kommunikationsmittel wie Sprache. S: Hörerziehung und Solmisation sind wichtige Elemente des Unterrichts. H: Ja. Erlauben Sie einen Hinweis. Forschungen in Japan mit Kindern der MFE nach der Yamaha Methode belegten, dass unsere Methode, konsequent und richtig praktiziert, dazu führt, dass ca. 85 % der teilnehmenden Kinder ihre Hörfähigkeit deutlich an das absolute Hören annähern konnten. S: Das ist sehr erstaunlich – durch die Solmisation? H: Unter anderem dadurch. Auch die Methodik und der Lernprozess sind dafür wichtig. Der methodische Dreischritt „Hören – Singen (Solmistion) – Spielen (auf einem Tasteninstrument)“ sorgt für die erfolgreiche Abspeicherung der Informationen im Langzeitgedächtnis. Das Tasteninstrument, in der Funktion eines „Lernwerkzeuges“, hat eine wichtige Rolle in der Yamaha MFE. Es kommt nicht darauf an, dass die Kinder Klavier oder Keyboard spielen lernen. Die Tastatur hat entscheidende Vorteile für diesen Lernprozess aus folgenden Gründen: Sie stellt das optische Gegenstück unseres europäischen Tonsystems dar. Man kann das Tonsystem, die Tonleitern, auf der Tastatur sehen, die schwarzen und weißen Tasten sowie die Untertasten und Obertasten geben zusätzliche haptische Orientierung. Entscheidendend ist, dass die Einzelperson alle drei Parameter der Musik: Melodie, Rhythmus und Harmonie gleichzeitig darstellen und mit immer gleich bleibender Spieltechnik in unterschiedlichen Lagen musizieren kann. Das wäre sonst nur noch mit der Gitarre möglich, was aber für vierjährige Kinder nicht darstellbar ist. Die Tastatur ist in dieser Entwicklungsphase der Kinder ein geeignetes Werkzeug, das, was gehört und gesungen wurde, spielend zu überprüfen und durch die haptische Komponente des Lernprozesses im Langzeitgedächtnis zu verankern. Dieser methodische Dreischritt ist ein Kernelement der Yamaha Früherziehung. S: Es ist ein recht hoher Anspruch an das Kind, etwas Gehörtes zu verarbeiten und auch schon wieder umzusetzen. H: Allgemein wird den Kindern zu wenig zugetraut. Man kann Kinder kaum überfordern, wohl aber unterfordern. Kinder, die unsere MFE im Alter von sechs Jahren beenden, verfügen über konkrete, messbare Fähigkeiten. Sie können Noten lesen im Violin- und Bass-Schlüssel, Vorzeichen in ihrer Fuktion verstehen und anwenden. Sie kennen Versetzungszeichen und können in unterschiedlichen Tonarten denken und spielen. Sie können in vier verschiedenen Dur-Tonarten und einer Moll-Tonart die einfache Kadenz I - IV - V spielen und auch harmonisierend selbständig anwenden, d.h. sie können einfache Melodien, Lieder damit begleiten.Die Kinder sind somit gut vorbereitet für den Instrumentalunterricht, sie können Noten lesen, haben ein gutes Gefühl für Rhythmus entwickelt und brauchen jetzt eigentlich „nur noch“ die spezifische Instrumentalspieltechnik ihres Wunschinstrumentes zu erlernen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu allen anderen Früherziehungskonzepten, weil diese nicht eine derartig klare Zielsetzung mit der entsprechend stringenten Arbeitsweise verfolgen. S: Dieses Konzept hat Ähnlichkeiten mit dem ersten VdM-Konzept. Es gibt eine Entwicklung, auch von den pädagogischen Zielen und z. B. „Musik und Tanz“ vom Orff-Institut hat andere Prioritäten im pädagogischen Bereich. Aufgabe für mich ist erst einmal, die verschiedenen Lernansätze „neutral“ zu vergleichen. So wie Sie mir das Konzept beschreiben – ich sehe zum Ersten, dass die Anfänge und das Jetzt-Konzept - in den wesentlichen Ansätzen konstant geblieben sind. Das können Sie bestätigen? H: Ja. S: Und dass die Lernziele sehr schon auf das Notenlernen, auf den Instrumentalunterricht, ausgerichtet sind? H: Unter anderem, ja. Das Wesentliche aber ist die Ausbildung des Gehörs, und die Vorbereitung auf den Instrumentalunterricht ist eine logische Folge der Zielsetzung und des methodischen Vorgehens. S: Das ist in manchen Konzepten einfach anders. H: Es geht nicht um den Instrumentalunterricht, sondern darum, ein umfassendes Verständnis von Musik zu erwerben. Das ist entscheidend. Eine Technik dazu ist u. a. die Fähigkeit, sich Musik lesend erschließen zu können (Notenlesen). S: Dann, das andere ist – dieses Tasteninstrument, das eingesetzt wird. Da gibt es offensichtlich sehr starke Parallelen zu dem ersten Konzept vom VdM, der auch diese Kombination hatte zwischen Tasten- und Glockenspiel. H: Ich kann Ihnen auch erklären, warum es die gibt. Repräsentanten des VdM sind in den 60er Jahren nach Japan gereist und haben sich sehr intensiv mit dem Yamaha Früherziehungskonzept beschäftigt. Man hat seinerzeit auch die Yamaha Music Foundation und Yamaha Musikschulen angeschaut und aus dieser Studienreise viele und wesentliche Eindrücke und Ideen in das VdM-eigene Programm übernommen. Yamaha verwendete zu dieser Zeit ein Harmonium mit elektrischem Gebläse. Beim VdM wurde daraus ein Glockenspiel, umbaut mit einem roten flügelähnlichen Gehäuse, gebaut von der Firma Schimmel, das über eine Tastatur bedient wurde. Man hat vieles übernommen, die Tasche für die Kinder, die Elterninformation usw. und u. a. auch das Prinzip der Verwendung eines Tasteninstruments, was aber heutzutage nicht mehr so in den Verbandsmusikschulen praktiziert wird. S: Es war als Tisch, Arbeitstisch gedacht. H: Nicht nur, zusätzlich konnte man über die Tastatur das Glockenspiel bedienen. Es ist ganz klar, dass die MFE des VdM in wesentlichen Punkten auf den Konzepten der Yamaha Musikschule basiert. Ohne das Vorbild der Yamaha-Konzeption gäbe es die MFE des Verbandes in der heutigen Art und Weise nicht. S: Es ging darum, was kopiert wurde. Für mich wäre interessant, wenn ich konkret feststellen kann, da sind Parallelen in beiden Konzepten. Gibt es bei Yamaha genauso Lehrerbände, Schülerhefte usw.? H: Wir hatten von Anfang an Lehrerbände, Schülerhefte, Elternhefte – das ist im Prinzip damals vom VdM, wenn ich das verkürzend hier so sagen darf, 1:1 von Yamaha übernommen worden. Dennoch sind die Kolleginnen und Kollegen im Bereich des VdM inzwischen eigene Wege gegangen. Man hat, insbesondere was die Methodik und die Lernziele betrifft, sich für andere Dinge entschieden, mehr in den Bereich der Sensibilisierung musikalischer Wahrnehmungsfähigkeit tendierend. Das steht auch heute noch im Vordergrund. S: Da sind andere Schwerpunkte gesetzt worden, die auch von anderen Konzepten weiterverfolgt wurden, was das Wahrnehmungslernen, Sensibilisierung oder das Lernen über die Sinne angeht. Die ersten Konzepte sehe ich auch sehr dicht orientiert an Schulcurricula, auch Tina und Tobi, wo es um Wissensvermittlung geht. Dieser Schwerpunkt verlagert sich im Verlauf der Entwicklung der MFE mehr in Richtung Bewegungs- und Sinneslernen. Lernen über Sinne und Körper bekommt später andere Gewichte im Vergleich zu den ersten Konzepten. H: Auch bei uns ist das Lernen über Bewegung ein ganz wichtiges Element. Die Befähigung zum strukturierten Hören, das formale Hören fördern wir sehr stark über Hören mit Bewegungsspielen. S: Eine ABA-Form erkennen wäre formales Hören, eine Liedform erkennen? H: Ja. S: Dass Musik eine „Form“ hat. H: In unserer MFE streben wir an, musikalische Kompetenzen heranzubilden, auf denen die Kinder ihre weitere musikalische Entwicklung gründen können. Die Grundlagenbildung muss sehr sorgfältig sein, damit die Kinder nachher lückenlos auch den weiterführenden Unterrichten folgen können. Wir versuchen, kreative Fähigkeiten, wie beispielsweise die Befähigung zur Improvisation oder auch die Anleitung, eigene Ideen zu notieren - Komponieren genannt - von Anfang an zu vermitteln. S: Wie wird das gemacht? Mich interessiert die Methodik z. B. von Improvisation, wie ist Improvisation in ihrem Konzept methodisch angelegt? H: Das kann man hier nur sehr grob umreißen. Es werden Motive vorgegeben, die innerhalb einer Form zu einer vollständigen Melodie zu entwickeln sind. Es werden musikalische Bausteine (Pattern) vermittelt, die im Zusammenhang mit einer harmonischen Struktur stehen. S: Ein Melodiemotiv wird gegeben, das weiter zu vervollständigen, zu ergänzen ist. H: Im Gruppenunterricht wird das beispielsweise so gemacht: Es wird eine musikalische „Staffel“ gebildet mit der Vorgabe eines Frage-und-Antwort-Spiels. Zwei Takte werden vorgegeben und ebenso zweitaktig von einem anderem Kind „beantwortet“. Das geht in der Gruppe herum und wird z. B. in eine Rondoform eingebettet, um einen musikalischen Gesamtzusammenhang herzustellen. Ein weiteres Element ist das Variieren von Melodien. Was kann ich mit einem gegebenen musikalischen Material erreichen durch Umspielungen, durch Vorhaltstöne von oben, von unten oder dadurch, das ich die Dur-Melodie plötzlich in Moll spiele, oder von Moll nach Dur wechsele, oder das Metrum verändere. Es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten. S: Dann bezieht sich die Improvisation ausschließlich auf den Dur-Moll Bereich, auf den melodischen Bereich? H: Auf den tonalen Bereich. S: Man kann ja auch Improvisation mit graphischen Partituren ansetzen, wird in der MFE praktiziert. H: Ich halte das übrigens nicht für sehr sinnvoll. S: Hm. Gut, es wäre… H: Ich akzeptiere, dass andere Leute andere Überzeugung haben. S: Ja, natürlich. Ich denke, sonst wäre die kulturelle Vielfalt nicht möglich. Für mich ist es primär Aufgabe, Informationen zu bekommen, zu vergleichen und Entwicklungen zu beobachten. Das habe ich mir als Aufgabe gesetzt. Das Arbeiten mit grafischen Partituren, natürlich in sehr einfacher Form, ist schon ein Arbeiten in Richtung Neue Musik. Wenn ausschließlich tonale Musik Gegenstand des Konzeptes, der Hörbeispiele ist, wird quasi die Musik des 20. Jahrhunderts, die Moderne, wenn sie nicht spätromatisch ist, ausgeklammert. H: Das ist so. Und das sollte uns aber vollkommen sorgenfrei lassen, weil die Moderne Musik oder die zeitgenössische Musik auch den Entwicklungsprozess genommen hat von der tonalen über die atonale hin zu Minimal Music usw. Im Grunde genommen gehen wir diesen Weg zunächst mit den Kindern, den wir entwicklungsgeschichtlich in der Musik gegangen sind. Anzunehmen, dass die Beschäftigung mit der Musik des 20. Jahrhunderts - ich denke hier z. B. an atonale Musik - die Kinder weiterbringen würde, halte ich für sehr fragwürdig. Häufig ist das Bestreben von Musikkpädagogen, in dieser Richtung arbeiten zu wollen, Ausdruck einer gewissen Orientierungslosigkeit und Konzeptionslosigkeit, die sich mangels klar definierter Bildungsziele zeigt. S: Aber nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. H: Wenn die Kinder älter sind und in weiterführende Kurse kommen, werden sie selbstverständlich mit dieser Musik vertraut gemacht, spätestens im Instrumentalunterricht. Dann ist auch der richtige Zeitpunkt. Erst einmal muss ich doch ein solides Verständnis der Grundbegriffe für mich entwickelt und geklärt haben, über eine Ausgangsbasis verfügen, ehe ich in die Moderne gehen kann. Ansonsten wäre das vergleichbar mit moderner Malerei, man würfe einen Farbpinsel an die Leinwand und bezeichnete das als Kunst, wäre aber nicht in der Lage, ein einfaches Haus oder Tier zu zeichnen. S: Das ist Auffassungssache. H: Es ist Unsinn, kleine Kinder mit zeitgenössischer Musik zu konfrontieren, und zu glauben, sie würden dadurch „geöffnet“ für die zeitgenössische Musik. Wir müssen immer sehen, was ist entwicklungs-physiologisch und -psychologisch für Kinder möglich. Und da wird sträflicherweise vernachlässigt, dass es Zeitfenster in der Entwicklung von Kindern gibt, in denen sie bestimmte Dinge erlernen können. Nutzt man diese Gelegenheiten nicht, schließen sich die Zeitfenster und man kann das Mögliche nicht mehr vermitteln. Beispielsweise kann die grundlegende musikalische Hörfähigkeit am wirksamsten vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr entwickelt werden. Wird das versäumt und den Kindern vorenthalten, stattdessen auf anderen Feldern Energie investiert, vernachlässigt man in unzulässiger Weise die Entwicklungspotenziale der Kinder, denn nach dem sechsten Lebensjahr sind die Bildungsergebnisse für die musikalische Hörfähigkeit nicht annähernd in der zuvor möglichen Qualität erreichbar. S: Wobei, das ist jetzt meine Meinung, wobei ich das bei Kindern nicht so statisch sehe. Das ist bestimmt ein hilfreiches Modell und Montessori arbeitet auch mit bestimmten Zeitphasen, in denen Kinder bestimmte Dinge lernen, am leichtesten, am besten lernen. Aber auch Kindheiten entwickeln sich. Was Kinder heute schon mit 5 Jahren an Popmusik hören über ihren eigenen Kassettenrekorder, den sie im Kinderzimmer haben... Ich sehe es nicht ganz so statisch, dass das, was einmal identifiziert ist, gesehen wird, zwangsläufig immer so zu sein hat. H: Damit wir nicht aneinander vorbeireden: Natürlich sind Entwicklungen hinterher auch möglich. Ich rede über das in dieser Lebensphase leicht und selbstverständlich erlernbare Hörvermögen, ähnlich dem Erwerb der Muttersprache. Und dieser Grundstock für das Hörvermögen kann später nicht mehr in der gleichen Qualität vermittelt werden. Das ist danach unleugbar vorbei. Im übrigen rede ich nicht über Zeitgeisterscheinungen, sondern über neurologische und physiologische Entwicklungspotenziale und Gegebenheiten, die genetisch bedingt sind und auch in Tausenden von Jahren noch unverändert den Menschen kennzeichnen werden. S: Das sind wichtige Hinweise. Ich möchte mich jetzt nicht in der Diskussion um Neue Musik und Lernfenster verlieren. Ich möchte am roten Faden bleiben. Der Name Kindermusikschule ist richtig? H: Ja, Kindermusikschule. Innerhalb dieser Kindermusikschule gab es drei Unterrichtsangebote: das erste hieß Kindermusikschule, darauf aufbauend die Programme „Musikantenkreisel“ und „Liederkreisel“. Heute sind die Namen der Programme etwas verändert, die Ziele jedoch identisch geblieben. Die Unterrichtsproramme im Bereich der frühkindlichen Musikalisierung basieren auf einem fortschreitenden Curriculum, welches ab der Geburt bis zum 12. Lebensjahr der Kinder die musikalischen Bildungsprozesse prägt. Diesen konsequenten Bildungsweg ab der Geburt bis in die allgemein bildende Schule, mit klaren Zielsetzungen und konkreten methodischen Handlungsempfehlungen, gibt es nur in der Yamaha-Pädagogik. S: Es gibt noch die Musikalische Grundausbildung. Das ist ein Fach, was auf die MFE direkt aufbaut. H: Das ist trotzdem anders. Sie meinen an den VdM-Schulen? S: Ja, auch, wobei die Konzepte nicht nur vom VdM herausgebracht wurden. Er war der erste. Es gibt die Konzepte vom Orff Institut usw. Es gibt dieses aufbauende Fach MGA für die Erst- und Zweitklässler. Was eine Fortsetzung innerhalb der Lernbereiche darstellt. H: Aber nicht in der Weise, so weit ich weiß, dass sie ganz konkrete musikalische Fähigkeiten entwickeln. S: Auch, aber ich denke nicht mit diesem Schwerpunkt, wie Sie mir das beschreiben. S: Die „Yamaha Academy of Music Hamburg“ ist das Ausbildungszentrum für die Lehrkräfte. H: Da bilden wir die Lehrkräfte im Sinne der Yamaha-Pädagogik aus. Wir erwarten von unseren Früherziehungslehrkräften hohe musikalische Qualifikation. Sie müssen ein Hauptfachstudium Klavier absolviert haben und in einem Test nachweisen, ob sie über die Fähigkeiten, die im Diplom bescheinigt werden, auch wirklich verfügen. Jeder, egal ob Professor, Meisterkursschüler oder sonst wer, der unser Konzept unterrichten will, muss diesen Test absolvieren. Zusätzlich prüfen wir, ob die Fähigkeit zur musikalischen Improvisation entwickelt ist, die wir für diesen Unterricht brauchen. Reproduktive und improvisatorische Fähigkeiten sowie eine solide musiktheoretische Grundbildung müssen die Lehranwärter mitbringen, um in unserem Ausbildungsprogramm zu bestehen. S: Die Lehrkräfte müssen ein Musikstudium absolviert haben und bekommen von Ihnen eine Art Aufbauausbildung. Wie lange ist diese? H: Es beginnt mit einem 14-tägigen Intensivtrainig in Didaktik und Methodik, dergestalt, dass morgens die didaktischen und methodischen Aspekte vermittelt werden und nachmittags die Teilnehmer im Unterricht der Dozenten hospitieren, die sie am Vormittag erlebt haben. S: Hospitieren? H: Ja, aber schon ab dem 2. Tag übernehmen sie kleine Einheiten dieses Unterrichtes selbst. Da in unserer Academy an jedem Tag mehrere Gruppen in unterschiedlichen Stufen unterrichtet werden, haben die Seminaristen die Möglichkeit, innerhalb von 14 Tagen ihre Fähigkeiten so aufzubauen, dass sie am Ende in der Lage sind, Unterrichtsstunden selbstständig zu planen und durchzuführen. S: Verstehe ich es richtig, dass die Lehrkräfte nach der 14tägigen Ausbildung den Unterricht beginnen? H: Ja, danach beginnen sie, aber sie werden begleitet durch kontinuierliche Fortbildung. Dadurch, dass die Anwärter ein Musikstudium abgeschlossen haben und über ein breites Spektrum musikalischer Fähigkeiten verfügen, ist es möglich, ihnen in dieser konzentrierten Form die Struktur des Materials, dessen Besonderheit und die methodische Befähigung zu vermitteln. Die methodische Befähigung ist das Wichtigste in diesem Bereich. Es wäre ein Trugschluss, zu sagen, dass die Lehrkräfte hier im Schnellverfahren ausgebildet werden, wo hingegen andere sich einem jahrelangen Studium widmen müssen usw. Es handelt sich um eine berufsbegleitende Aus- und Fortbildung, die mindestens vier Jahre in Anspruch nimmt. S: Ich denke, der Umgang mit dem Alter von 4-6 liegt nicht jedem Musiker oder Klavierspieler. Mit einer Gruppe von zehn 4-6-Jährigen umzugehen - da kommt mir die Zeit von 14 Tagen recht kurz vor. H: Zum einen ist die Ausbildung sehr intensiv und zum anderen wählen wir die infrage kommenden Lehrkräfte sorgfältig aus. Das Gespür für kleine Kinder und die Fähigkeit, mit Gruppen arbeiten zu können, lernt man auch in zwei oder vier Jahren nicht, wenn die Ausbildung, wie das in den meisten Ausbildungsgängen an Hochschulen der Fall ist, praxis- und wirklichkeitsfern und ohne pädagogische Zielsetzungen und Konzeptionen vonstatten geht. Für die Arbeit mit kleinen Kindern brauchen wir Pädagogen mit ausgewiesenem Gespür für die Bedürfnisse der Kinder und der Neigung, sich mit ihnen befassen zu wollen. Nicht alles kann man antrainieren. S: Nein, weil viel Erfahrung auch gesammelt werden muss, und 14 Tage finde ich eine sehr kurze Zeit. H: Ja und nein. Es kommt darauf an, was man in welcher Zeit tatsächlich leistet. Nicht die Dauer der verbrachten Zeit ist entscheidend. Nicht selten höre ich von Teilnehmern, dass wir in 14 Tagen mehr schaffen, als andere in zweijährigem Studium an der Hochschule. Leider muss ich diese Aussage aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung in der Fortbildung bestätigen. S: Das ist ein hoher Anspruch! H: Den ich aufrecht erhalte! Wir arbeiten sehr konzentriert. Der entscheidende Vorteil gegenüber dem Studium ist, dass Sie jeden Tag die Möglichkeit haben, von ausgewiesenen Praktikern zu lernen, in die Praxis hineinzublicken und vor allem, auch selbst zu handeln. Diese intensive Trainigsmöglichkeit haben Sie im Studium üblicherweise nicht. Dieses intensive „handwerkliche“ Lernen kommt in den herkömmlichen Studiengängen viel zu kurz. Häufig, weil die Dozenten nur selten auch erfahrene Praktiker sind. S: Das wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Am Mainzer Konservatorium beispielsweise wird regelmäßig pro Woche eine praktische Stunde auch von den Studenten gehalten, unter Anleitung. Dort weiß ich, dass der Praxisbezug sehr dicht ist. .... H: Gut, dies zu hören. Die verantwortliche Leiterin dieses Bereichs am Mainzer Konservatorium, Frau Schäfer, ist ja auch viele Jahre in der Yamaha-Pädagogik als Lehrkraft tätig gewesen und mit unserem Einverständnis zum Konservatorium gegangen, da liegt es nahe, dass sie Gutes und Bewährtes auch unter anderen Vorzeichen weiterhin praktiziert. S: Wie lange dauert die gesamte Ausbildung? H: Die hört nie auf. S: Die ist sozusagen berufsbegleitend. H: Ja, permanent. S: Verbindlich für die Lehrer? H: Ja, verbindlich. Während der Unterrichtspraxis werden die Lehrkräfte regelmäßig von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen besucht und gecoacht. ... S: Es ist im Gespräch bereits genannt worden. Dürfte ich Sie trotzdem noch einmal bitten, 2 oder 3 pädagogische Ziele der MFE von Yamaha zu fokussieren. Warum bietet Yamaha seit langem dieses Konzept an, und was will Yamaha in erster Linie auf musikpädagogischem Gebiet erreichen? H: Wir wollen die Kinder musikalisch bilden. Wir verstehen musikalische Bildung im Vorschulalter als den Erwerb konkreter musikalischer Kompetenzen in den Bereichen der musikalischen Hör- und Lesefähigkeit, der Kompetenz, musikalische Prozesse durch Gesang und Instrumentalspiel einzeln und im Ensemble gestalten zu können. Wir arbeiten mit der absoluten Solmisation und einem Tasteninstrument im Sinne eines Lernwerkzeuges, um die Hörfähigkeit der Kinder konkret heranzubilden. Das Singen auf Solmisationssilben durchdringt das Unterrichtsgeschehen. Bis zu 80 % des Unterrichts werden mit Hilfe des Solmisationssingens gestaltet. Wir erreichen, dass die Kinder nach zweieinhalb Jahren des Unterrichts in „Hörbie und Tönchen“ Melodien in absoluter Solmisation nachsingen können, in vier Dur- und einer Molltonart die einfache Kadenz (I – IV – V) mit beiden Händen auf einem Tasteninstrument spielen und Melodien selbstständig harmonisch begleiten können und Noten im Bass- und Violinschlüssel mit Versetzungszeichen lesen können. Des weiteren befähigen wir sie, eigene Ideen improvisierend oder „komponierend“ artikulieren zu können. ..... H: Wie bereits ausgeführt, steht „Hörbie und Tönchen“ in der Folge zweier Programme. Wir beginnen mit 4 Monate alten Kindern, die i. d. R. zusammen mit ihrer Mutter musikalisiert werden, aufbauend folgt im Alter von 18 Monaten das Konzept „Krabbelkinder mit Musik“. S: Eine Zwischenfrage: die Erziehung mir den ganz Kleinen, die Mutter-Kind-Kurse. Seit wann gibt es das bei Yamaha? H: Das Programm „Robbie“ (4-18 Monate) seit Herbst des vergangenen Jahres und „Krabbelkinder mit Musik“ (1 ½ -4 Jahre) seit 5 Jahren. Darauf folgt „Hörbie und Tönchen“ und damit der Eintritt in die Musikalische Elementarerziehung. Wir nennen das nicht Musikalische Früherziehung, sondern musikalische Elementarerziehung. S: Seit wann? H: Seit ungefähr 10 Jahren benennen wir es so, um nicht verwechselt zu werden mit dem, was gemeinhin unter Musikalischer Früherziehung verstanden wird. Etwas derartiges haben wir auch: „Wunderland Musik“ (4-6 Jahre). S: Das ist verwirrend. ..... S: Der Begriff „Elementarerziehung“ ist insgesamt in der Musikpädagogik noch ein neuer. Insofern haben Sie auch diesen als Überbegriff verwendet, oder? H: Für uns ist dieser Begriff nicht neu. Wir bilden, wie oben dargelegt, elementare musikalische Fähigkeiten heran. Damit gehen wir weit über verbreitete Sensibilsierung musikalischer Wahrnehmungsfähigkeit hinaus. ..... S: Das Blatt bildet eine gute Übersicht. Auf die Frage, wie hat sich das Konzept der Früherziehung oder Elemenarerziehung entwickelt bei Yamaha, da sehe ich hier auf den ersten Blick, dass es sich untereinander differenziert hat. Das, was den Anfang bildete mit den Tasteninstrumenten, findet sich das hier wieder? Was ist der Unterschied zwischen Ihrer musikalischen Elemenarerziehung mit Tasteninstrumenten? Geht das schon mehr in den Frühinstrumentalunterricht? Und was ist Früherziehung? H: Bei Hörbie und Tönchen spielt nach wie vor das Tasteninstrument lediglich die Rolle eines Lernwerkzeuges. Wir unterrichten nicht Klavier spielen. Wir nutzen die Tastatur, um musikalische Inhalte verstehbar werden zu lassen, sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen. S: Da sehe ich hier bei Hörbie und Tönchen noch am ehesten die Elemente der Anfänge enthalten. H: Die Anfänge im Bereich der musikalischen Elementarerziehung, das können Sie so sagen. Die Modifikationen, die im Laufe der vergangenen 40 Jahre durchgeführt worden sind, beziehen sich auf das musikalische Liedgut, die Spielstücke und nicht grundsätzlich auf die Methodik. S: Verstehe ich richtig, dass in der Entwicklung die Methodik konstant blieb, aber die Didaktik, welche Lieder, welche Stücke, da gab es Veränderungen? Das methodische Konzept des Anfanges ist in den wesentlichen Punkten konstant geblieben und hat sich bewährt in ihrem Sinne. Was variiert, sich fortentwickelt, weiterentwickelt hat, ist die Didaktik, die Auswahl der Lieder und Musikstücke. Die Solmisation, das Hören, die Notenlehre ist alles konstant geblieben. H: Ja, ebenso, wie der Einsatz des Tasteninstrumentes als Lernwerkzeug... ..... Zum Gespräch hinzu kommt Herr Onrust (O), pädagogischer Leiter bei Yamaha. H: ...die genau beobachtbaren Fähigkeiten nennen. Was können die Kinder nach Ablauf dieser 2, 2 ½ Jahre? S: ... die Lernziele... O: die Kinder können innerhalb von 2 – 2 ½ Jahren auf einem Tasteninstrument spielen in 5 unterschiedlichen Tonarten : C, F, G, d, a. Darüber hinaus können die Kinder diese Tonarten, bis zu einem Vorzeichen, nach Gehör unterscheiden und nachsingen durch die Solmisation als Grundlage. ....... S: Meiner Beobachtung nach prägt die Solmisation neben der Verbesserung der Intonation das Verständnis für Tonalität. Das ist ein Anliegen ihrerseits. Das traditionelle kulturelle Fundament soll gelegt werden. Die Moderne hat in diesem Alter noch nichts zu suchen. H: Wir verzichten darauf, Kinder mit dieser Musik von Anfang an zu konfrontieren, man sollte zunächst das Fundament legen, auf dem man nachher das musikentwicklungsgeschichtliche Haus baut Auch Schönberg hat zunächst „I – IV - V gelernt“, bevor er „atonal wurde“. Man wird nicht mit einer Präferenz für atonale Musik geboren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kinder, die einen ähnlichen Ausbildungsweg gehen wie Schönberg, hinterher ebenfalls eine Liebe für atonale oder zeitgenössische Musik jeder Art entwickeln. S: Aber das sehen Sie dann erst im Instrumentalunterricht, im weiterführenden Unterricht. H: Ja. S: Gut, für Sie ist Konzept, die ersten Schritte der kindlich musikalischen Entwicklung mit der Musikgeschichte parallel zu gehen. Bei Ihnen hat sich inzwischen das Angebot für die 4-6-jährigen differenziert? H: Bei „Hörbie und Tönchen“ haben in erster Linie didaktische Veränderungen stattgefunden. Die Methode ist gleich geblieben. Natürlich weiterentwickelt, verfeinert, aber im Prinzip gleich geblieben. S: Dieses musikalische Früherziehungsprogramm „Wunderland Musik“ ist eine Weiterentwicklung aus „Krabbelkinder mit Musik“. Wodurch unterscheidet es sich von „Hörbie und Tönchen“? O: Dient das Tasteninstrument bei „Hörbie und Tönchen“ als Lernwerkzeug, haben wir bei „Wunderland Musik“ verschiedene Instrumente zum Kennenlernen. Der Körper „als Instrument“ das ganzheitliche Erleben unterschiedlicher Musiken und deren Wiedergabe durch Singen und Klopfen, das Zupfen leerer Saiten einer Gitarre, das Anblasen einer Blockflöte und das Notieren von Musik mit Hilfe von Rhythmusstenografie, all das vermittelt Einblicke und Eindrücke aus dem weiten Bereich musikalischen Gestaltens und Hörens. In „Wunderland Musik“ sind die Eltern nicht verpflichtet, am Unterricht teilzunehmen, sie dürfen, wenn sie das wollen. Bei „Hörbie und Tönchen“ hingegen ist die Teilnahme der Eltern verpflichtend. S: Nach Ihrer Beschreibung würde ich Wunderland in seinen Ansätzen parallel setzen mit der jetzt praktizierten MFE, während Hörbie und Tönchen noch eine historische Form... H: Die hoch aktuell ist! S: Das Tasteninstrument spielt eine große Rolle, wie in den Anfängen... H: ...eine zentrale Rolle, zur Absicherung des Gelernten, zur Speicherung des Gehörten, des Gesungenen im Langzeitgedächtnis. Hier wird nicht Klavier unterrichtet, bitte nicht missverstehen! O: Wobei die Kinder nach 2 Jahren sehr ordentlich spielen können. Die spielen teilweise polyphone Stücke beidhändig. S: Wann haben sich diese beiden MFE-Formen aufgesplittet? H: Wir haben 1999 „Kraki“ eingeführt. ..... S: Welche Qualität kann hier erwartet werden? H: Normalerweise ist es so, dass Kinder aus der MFE der Vebandsschulen in den Instrumentalunterricht oder in die Grundausbildung weitergehen. Aber, was haben diese Kinder in der herkömmlichen MFE gelernt? Kinder, die mit einer solchen Vorbildung zu uns in die Instrumentalausbildung kommen, bringen i. d. R. keine dafür brauchbaren Vorkenntnisse mit. Wir fangen von vorne an. Sie können weder Noten lesen noch haben sie Fähigkeiten in den Bereichen Metrik und Rhythmus entwickelt. S: Das kann ich nicht bestätigen. H: Sagt der VdM selbst in seinen Untersuchungen, nachzulesen in der nmz des Jahrganges 1985. S: Ich denke, die MFE ist immer noch ein sehr junges Fach. Man kann von gut 30 Jahren Entwicklung sprechen. H: Ob jung oder alt, das sagt nichts Wesentliches. Entscheidend ist, welche Bildungsziele und Wirkungen intendiert sind. Das wäre übrigens unbedingt zu evaluieren, um einen Überblick zu ehalten, was in unserem Land in der MFE geleistet wird. Daüber gibt es nichts Gesichertes, nur Vermutungen und lautstarke Behauptungen. S: Das müsste man natürlich empirisch untersuchen. Das ist ein empirischer Ansatz, den ich nicht verfolge, ich verfolge einen historischen Ansatz. Das ist ein wichtiger Aspekt, den man empirisch erfassen müsste. Aus meiner Erfahrung heraus haben Kinder auch nach anderen Früherziehungskonzepten rhythmische oder metrische Sicherheit. Gerade das können sie in der Gruppe gut lernen. Es werden Viertel, Achtel vermittelt. Sicher nicht die Notenkenntnisse in der Intensität Ihres Konzeptes. Das Verfolgen der Notenkunde geht vielleicht auch auf Kosten von anderen Bereichen. H: Welcher? S: Der Bewegung .... H: Nein, Bewegung ist ein wichtiges Element für jeden Lernprozess. Wie ich bereits sagte, ist Bewegung in Verbindung mit strukturiertem Hören ein elementarer Bestandteil in unserem Unterricht. S: Kam der später dazu? H: Nein, das war immer Bestandteil. S: Das müsste ich in der Praxis sehen oder im Lehrerband. H: Sie müssen die Praxis sehen! S: Es gibt zu „Hörbie und Tönchen“ sicher Lehrerbände. Die wären für mich schon interessant. .... S: Hier noch einmal Schnitt. Ich möchte noch einmal schwenken zu der ganz frühen Zeit 1950/60. Lehrkräfte aus dieser Zeit. ..... H: Es gibt da noch Frau Puhlmann. Fr. Puhlmann war die Erste. Sie kann Ihnen ganz genau sagen, was sich damals in Deutschland vollzogen hat. Sie hat dazu beigetragen, das Konzept aus Japan und USA, wo es vorher praktiziert wurde, nach Deutschland zu bringen. Frau Puhlmann ist die Pionierin. S: ...weil sie es auch aus der Praxis kennt und die Zeit erlebt hat.... .... S: Der letzte Bereich, der mich interessieren würde. Bezogen auf die allerersten Kurse, den Start der Kurse. Wie war die Anmelderesonanz, die Elternreaktionen? H: Die war sehr positiv. S: Waren die Eltern im Unterricht dabei? Das hat der VdM auch praktiziert. H: Ja natürlich, das hat der VdM bei uns gelernt. In „Hörbie und Tönchen“ sind die Eltern die ersten beiden Jahre immer dabei. S: Und bei diesem Parallelkurs „Wunderland Musik“? H: Nicht zwingend. Der Unterschied liegt darin, dass wir in „Hörbie und Tönchen“ die Kinder gründlich musikalisch bilden und wir die Eltern einerseits als Bezugsperson und andererseits als Langzeitgedächtnis des Kindes im Unterricht brauchen, u. a. weil Hausaufgaben gemacht werden müssen, es muss zu Hause geübt werden. In „Wunderland Musik“ ist dies so nicht der Fall. Die Resonanz war sehr positiv am Anfang, weil die Zeit reif dafür war. Statistiken aus diesen Zeiten liegen uns nicht mehr vor, die werden so lange nicht aufbewahrt. S: Gab es im Laufe der Entwicklung Einbrüche in der Resonanz, gab es ernsthafte Probleme im Laufe dieser über 30 Jahre? Oder ist es eine eher gradlinige Entwicklung gewesen? H: Es gab bei uns ernsthafte Probleme in den 70er Jahren. Ursprünglich wurde das Konzept von Japan 1:1 übertragen nach Deutschland. Dann haben unsere Lehrkräfte gemerkt, dass dieses Liedgut nicht sonderlich gut geeigent war für die deutschen Verhältnisse und haben es „eingedeutscht“. S: Obwohl es europäisches Liedgut war? H: Trotzdem passte es nicht für deutsche Verhältnisse. Sie werden die Erfahrung machen, dass Konzepte, die in Deutschland gut akzeptiert sind, in Frankreich überhaupt nicht funktionieren, weil dort ein anderes Liedgut bevorzugt wird, und in Italien funktioniert es anders als in Deutschland und Frankreich. Auch innerhalb Europas haben wir sehr große Differenzierungen. Das macht es so schwierig, ein europäisches Unterrichtskonzept herzustellen. Die Ansprüche an die Verwendung nationaler Literatur sind ausgeprägt. S: Es wäre hier auch wieder die Didaktik, die anders wäre. H: Ja, die Didaktik musste angepasst werden. Das führte dazu, dass auch methodische Veränderungen damit einhergingen, weil dieser Unterricht sich von dem ursprünglichen Konzept her stark zu entfernen begann, und der in Deutschland vom VdM praktizierten Früherziehung immer ähnlicher wurde. Die konsequente Verwendung der Solmisation trat in den Hintergrund und wurde teilweise aus den Augen verloren. Um das Konzept in der reinen Lehre zu retten, wurde Mitte der 70er Jahre ein Schnitt gemacht bezüglich Didaktik und Methodik, eine Rückbesinnung auf alte Werte vollzogen, ein Zurückschneiden des Ganzen auf das ursprüngliche Konzept vorgenommen. Dies hat zu einer großen Verärgerung bei vielen Lehrkräften und auch bei damaligen Schulbetreibern geführt, die eine deutsche Variante bevorzugten. Da dies nicht genehmigt wurde, kündigten sie die Zusammenarbeit auf. Es folgte ein starker Einbruch im ganzen System, der über Nacht zu einem Verlust von Tausenden von Schülern führte. Dieser Einbruch konnte schrittweise aufgefangen werden, und wir sind heute dabei, nach 20 Jahren, das System wieder zu stabilisieren und auf alten Wachstumskurs zurückzuführen. Das Liedgut wurde nicht wieder „eingedeutscht“, sondern es gibt ein international gebräuchliches musikalisches oder didaktisches Material, was auf der ganzen Welt gleichermaßen verwendet wird. Die Yamaha Früherziehung können sie in 34 Ländern der Welt in der gleichen Art und Weise erleben. Egal ob Sie in Hongkong oder in Hamburg, in London oder in Tokio leben. ..... S: Hat sich dieser Wachstumskurs erst vor kurzem eingestellt? Hat die Revision, die Mitte der 70er Jahre begann, länger angedauert oder konnte sie schneller behoben werden? Gab es eine zweite Krisenzeit? H: Es gab keine zweite Krisenzeit, aber das Wachstum war sehr langsam. Bis vor für 5 Jahren, als wir anfingen mit „Krabbelkinder mit Musik“, dieses Programm ab 1 ½ Jahren, zu installieren. Warum? Es war außerordentlich schwierig, und ist immer noch nicht einfach, qualifizierte Lehrkräfte zu finden. Wie ich vorhin ausführte, stellen wir sehr hohe Anforderungen. Und das ist ein Problem, jemanden, der Hauptfach Klavier studiert hat, der den Wunsch hegt, als Konzertpianist oder allenfalls als Klavierpädagoge tätig zu werden, zu finden, der sich darauf einlässt, kleine Kinder ab 4 Jahren zu unterrichten und bereit ist, zu verstehen, dass er seine hoch entwickelten, spezialisierten Fähigkeiten jetzt einsetzen muss, um kleine Kinder zu musikalisieren. Es ist nicht einfach, Leute zu finden, die das wollen. Die Lage verbessert sich in den letzten 5 Jahren zunehmend, weil es mehr Bewusstsein gibt, wohl auch im Studium vermittelt, hinsichtlich der Wichtigkeit von Musikalischer Früh- und Elementarerziehung. Und heute hat das auch bei hoch ausgebildeten Musikern keinen niedrigen Stellenwert mehr, sich mit kleinen Kindern zu beschäftigen, weil sie erkannt haben, dass man vieles vermitteln kann dadurch, dass man selbst das beste musikalische Beispiel gibt, es vorlebt. S: Ich denke, der Stellenwert, jüngere Kinder zu unterrichten und auch der Stellenwert Elementarer Musikerziehung hat an Wert gewonnen. Der früher klassisch und künstlerisch und solistisch ausgebildete Musiker, Musikpädagoge – das hat sich in der Ausbildung gewandelt zugunsten von methodischen und didaktischen Verbesserungen, die auch vermittelt werden, wo auch die Instrumentaldidaktik sich verbessert hat. Die Bedeutung der Pädagogik, egal für welches Alter, hat sich in der Musikpädagogik verbessert. Es geht nicht mehr nur um das Künstlerische, was früher im Mittelpunkt der Ausbildung stand. Die Schwerpunkte in der Ausbildung haben sich zugunsten des Pädagogischen, zugunsten einer Aufwertung des elementaren Unterrichts und der Pädagogik im Musikunterricht entwickelt. H: Ja, das können wir deutlich merken. Und ganz klar ist, seit dem wir den Bereich unterhalb von 4 Jahren geöffnet haben, entwickelt sich der Früherziehungsbereich sehr erfreulich. Die Erkenntnis, frühestmöglich mit Musikalisierung zu beginnen, zeigt erstaunliche Wirkungen. S: Das heißt, dass „Installieren“ der Kurse davor fördert auch die Früherziehung. H: Entschieden! Hier werden die Weichen gestellt für die Früherziehung. Für Mütter mit Kindern ab dem vierten Lebensmonat wird der Gang zur Musikschule zu einem wöchentlichen Ritual, wird institutionalisiert und selbtsverständlich. Sie nehmen wahr, was die größeren Kinder ab dem 4. Lebensjahr bereits können, umfangreiche Information über die Entwicklungsmöglichkeiten der Kindern werden vermittelt und Bedürfnisse geweckt; man versteht, warum es wichtig ist, die Kinder früh in musikalische Bildunsprozesse einzubinden. S: Eine Frage zur Ausbildung der Lehrkräfte: Sie sagten, Voraussetzung ist ein Musikstudium und auch das Fach Klavier. H: Ja, zumindest für das Programm „Hörbie und Tönchen“. S: Haben Sie auch Lehrkräfte, die im elementaren Bereich eine Ausbildung gemacht haben? Gibt es bei Yamaha Lehrkräfte, die Früherziehung/Grundausbildung studiert haben? Oder schließen sie das aus? H: Sofern sie ebenfalls Klavier studiert hätten, würden wir das nicht ausschließen. Patrick, können Sie sich erinnern, in Ihren Seminaren Kandidaten gehabt zu haben, die Grundausbildung oder Elementarausbildung studiert haben und jetzt zu Ihnen gekommen sind? Oder waren das alles Pianisten? O: Das waren nicht alles Pianisten, auch welche, die vom Akkordeon kommen, aber als Nebenfach gut Klavier spielen. So weit, dass es für Hörbie und Tönchen gut einsetzbar ist. S: Aber es sind Instrumentalisten. Suchen Sie Lehrkräfte, die Instrumentalisten sind, oder in Hinsicht auf diesen Bereich, .... H: Ich muss es ihm erklären, weil Herr Onrust aus Holland kommt. Patrick, es gibt bei uns den Bereich AME – Allgemeine Musikerziehung, da liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Instrumentalspiel, sondern eher auf der methodischen Befähigung. Solche Teilnehmer haben Sie mit Sicherheit nicht in den Seminaren, weil ja ausgeprägte Fähigkeiten im Klavierspiel verlangt werden. Also scheiden diese aus. Dann gibt es noch einen anderen Studiengang, der Früherziehung heißt, aber auch nicht solche Fähigkeiten erfordert. Haben Sie solche Leute in Ihren Ausbildungsseminaren gehabt, die zuvor Früherziehung studiert haben? O: Nur reine Früherziehung? Wenn ich das so höre, kann ich mir das nicht vorstellen. S: Ihre Lehrkräfte sind von der Ausbildung her Instrumentalisten. H: Wir brauchen Lehrkräfte, die Klavier studiert haben, oder Kirchenmusiker, i. d. R. spielen die auch recht ordentlich Klavier. Teilnehmer mit diesem Profil suchen wir. S: Oh, die Zeit ist schon sehr fortgeschritten. Ich denke, wir müssen hier abbrechen. Vielen Dank an Sie beide für das Gespräch. |
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